Der dumme Körper >

Alles wehrt sich in mir, zu erfassen, dass ich jetzt trauern muss. Gewohntes Fühlen läuft in brennende, sinnlose, quälende Sehnsucht und führt mir in jeder Sekunde den grausamen Verlust vor Augen, vor Herz und Seele.

Neununddreißig Kilo, Kiefersperre, Mund in Fetzen, Rachen in Brand.
Magen greint, Darm jammert laut vor Leere, Herz rast, klopft, pumpt wie verrückt.

So sinnlich der Schmerz ist, der mich krank macht, die Organe scheinen nicht zu mir zu gehören, scheinen von mir losgelöst aufzuschreien.

Connie Palmen

Das Entsetzen hat ein Gesicht: Mein geliebtester Mensch ist tot. Der Verstand steht still angesichts der Tragödie, die ihm und uns widerfahren ist. Es geht über alle meine Grenzen und Kräfte zu verstehen, was passiert ist. Schmerz und Verzweiflung füllen mich bis in die letzte Faser meines Wesens aus. Ich liege da, wie ein totes Stück Holz, starre die Wand an und versuche vergeblich zu erkennen, was passiert ist. Ich würde am liebsten einfach liegen bleiben und warten, dass auch die äußere Welt mit mir zusammen untergeht.

Doch leider tut sie das nicht. Ich überlebe, ob ich will oder nicht. Ich will und brauche gar nichts, außer das Unmögliche, das ich nie wieder bekommen kann. Schon gar nicht brauche ich etwas, das mir „guttut“. Welchen Sinn sollte es haben, es sich gut gehen zu lassen, während mein geliebter Mensch nicht mehr leben darf! Ich will und brauche das Unmögliche.

Ich habe kaum Kraft, aus dem Bett aufzustehen. Ich habe keine Ahnung, was ich zum Überleben brauche, ich will ja gar nicht überleben. Die Vorstellung, das Haus zu verlassen, um einen Supermarkt aufzusuchen, erscheint mir vollkommen absurd. Da ich keine Vorräte habe und auch niemanden, der mich mit dem Nötigsten versorgt, suche ich im Netz vergeblich nach einer Art Einkaufsliste für akut Trauernde. Allein dies bedeutet enorme Kraftanstrengung und Überwindung. Ich würde lieber liegen bleiben und verhungern, aber der dumme Körper schreit nach Nahrung und so gebe ich ihm schließlich nach. Das Angebot überfordert mich. Ich kann und will nicht herumsuchen und auswählen. Ich bin nicht in der Lage, auch nur die kleinsten Entscheidungen zu treffen. Endlich bestelle ich beim Lieferdienst:

Kaffee.
Tee
Milch
Joghurt
Müsli
Aufbackbrot
Nudeln
Reis
Brotaufstrich
Käseaufschnitt
Wurstaufschnitt
Suppenkonserven
Kartoffelsalat
Würstchen
Gemüse (tiefgefroren)
Pesto
Kekse

Fruchtsaft
Schokolade
Wein
Tierfutter
Spülmittel
Müllbeutel
Taschentücher
Zahnpasta
Shampoo
Duschgel
Toilettenpapier

Brauchst auch du nichts außer dem Unmöglichen?

dann sei dir mit obiger Liste vielleicht gedient, irgendwie über die Runden zu kommen.

Hast du Kinder, die etwas brauchen?

Ich habe zwar keine, doch könnte mir vorstellen, dass sie jetzt neben deiner Nähe Malsachen benötigen, eventuell auch Hörbücher, Bilderbücher …

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