Ich bin nur noch eines: Nicht. >

Ich erlebe die Gegenwart nicht.
Alles, was ist, bei mir selbst angefangen,
ist vor allem etwas nicht.
Er ist überall nicht
.

Connie Palmen

DU bist nicht.
Ich bin nicht.
Jede Sekunde führt mir vor Augen, was nicht ist. Ebenso wie Connie Palmen könnte auch ich Seiten füllen mit dem, was alles nicht ist: Ich hole DICH nicht zum Essen ab, DU legst nicht Musik für mich auf, die meine gegenwärtige Stimmung exakt widerspiegelt, DU brätst mir nicht ein Spiegelei. Diese Nichtigkeiten jedoch sind gar nichts. Das größte allumfassend un­fassbare ich-mordende Nicht aber ist DEIN Lächeln, welches durch meines nicht entsteht – jenes einzigartige, exklusive Lächeln, das die Verschränkung der Liebenden besiegelt.

Ein einziges Wesen fehlt dir und alles ist leer (Lamartine)

Ich flüchte mich in Literatur und Niederschrift.

Fast scheint es, als beschäftigte ich mich auf diese Weise, um mich nicht von der Wirklichkeit einholen zu lassen. Sobald nur der Hauch dieser Wirklichkeit emotional in mir zu wirken droht, breche ich so­fort schreiend zusammen. Sobald ich das Buch beiseitelege, fallen die Bilder und Gefühle der Erinnerung an mein glückliches Leben über mich her wie Bestien.

Die Erinnerungen an ein Leben, von dem ich mich gesegnet fühlte, dass es mir die Erfüllung meiner lebenslangen Liebe schließlich nach vielen Rückschlägen so beglückend und allumfassend schenkte.

Ein edler Hunger, lange unbefriedigt,
hatte endlich die ihm angemessene Nahrung gefun­den,
und fast im selben Augenblick wurde sie ihm entrissen.

C.S. Lewis

Nun irre ich barfuß durch die Wüste, in die ich ausgestoßen wurde aus dem prachtvollen Garten, der mein Leben war und der durch das Wunder der Liebe in allen Farben blühte. Der Ratgeber aber reitet auf dem Kamel. Er erklärt mir die Wüste und wie ich den Umgang mit brennendem Sand sowie vernichtender Dürre erlernen soll, auf dass ich die in der Ferne liegende unscheinbare Oase erreiche, auf die er zeigt. Ich aber weiß, dass diese Oase zudem eine Fata morgana ist. Das ist keinen Kampf, keine Überwindung und auch keinen „Umgang“ wert. Man könnte ebenso gut vorhaben, den Reaktor von Tschernobyl wieder in Betrieb zu nehmen und rings herum auf dem Gelände Kinderspielplätze anzulegen.


Unverständnis in jedem „Aber-Gespräch“

Es scheint für Nichtbetroffene nicht vorstellbar, was es bedeutet, wenn der Tod des Anderen einen selbst mit auslöscht. Es wird einem eher als Ich-Schwäche ausgelegt. Wie kommt das? Ist es die eigene Angst vor dem Unaushaltbaren?

Menschen im Umfeld von Trauernden neigen dazu, Schmerz und Trauer durch Einwände relativieren und wegreden zu wollen. Mag dies auch noch so gut gemeint sein, so sind es oft gerade diese Worte, die von Unverständnis sprechen.

Es gibt keine Redensart, die das beschreibt oder dem nahekommt, was ein Trauernder durchlebt.

Beate Grossmann

Keine Redensart und auch kein noch so triftiges Argument, kein noch so gewichtiges Aber.

… aber das Leben geht weiter
… aber du hattest doch ohne ihn auch ein gutes Leben
… aber du bist doch auch selbst jemand
… aber so ist nun mal der Lauf der Welt
… aber es gibt doch auch noch andere wichtige Menschen in deinem Leben
… aber andere werden auch verlassen
… aber es muss ja nicht noch mehr Opfer geben
… aber mach mal was Schönes
… aber die schönen Blumen
… aber, aber, aber
… aber man kann eben nie wissen, was einem zustößt
aber ich dachte, er war sowieso schon sehr krank

Wie bitte!!???

Beim letzten Aber wird es mir schwarz vor Augen : „Sowieso schon…“ Ein Weiterleben hätte sich daher für DICH sowieso schon nicht mehr gelohnt?

Das Trauma kam im Gespräch mit einer Kollegin wieder einmal hoch: An Sowiesoschon bist DU nicht gestorben! Im Gegenteil, alle OPs, die mit DEINER Vorerkrankung zu tun hatten, hast DU bravourös überstanden und ich müsste dies alles hier nicht schreiben, hätte man DICH einfach dort gelassen, wo DU warst und die Dinge unter­nommen wie sie bereits geplant waren.

Trauer ist etwas ganz anderes
als eine Krankheit [oder eine Krise].
Wovon wollen sie mich heilen?
Um in welchen Zustand,
in welches Leben zurückzukehren?

Roland Barthes

Auf unserem Spaziergang mit ihr tat es mir beinahe weh, wie sehr sich meine Kollegin abstrampelte zu unterstützen, zu helfen, zu heilen und damit immer wieder ins Leere – wirklich Leere – lief.

Unterstützung – wobei?
Hilfe – wozu?
Heilung – wovon?

Ich schien einen dieser legendären Flüsse überquert zu haben, die die Lebenden von den Toten trennen, ich schien einen dieser Orte betreten zu haben, wo ich nur von denen gesehen werden konnte, die selbst vor kurzem Leid erfahren hatten. Zum ersten Mal verstand ich die Macht, die im Bild dieser Flüsse steckt, im Bild von Styx und Lethe und dem verhüllten Fährmann mit seinem Stab. Ich verstand zum ersten Mal die Be­deutung der Sati- Bräuche. Die Witwen warfen sich nicht aus Leid auf das brennende Floß. Das brennende Floß stellte vielmehr genau den Ort dar, an den ihr Leid sie gebracht hatte.

Joan Didion

Auch ich bin wohl mit DIR zusammen über den Fluss gesetzt. Dies ging mir auf, als ich zu ihr sagte, das Grausamste an Allem sei, dass man es überlebt. Sie verstand nicht im Geringsten und zeigte mir Strategien zur Krisenbewältigung einer Trennung auf. Ich dagegen wünsche mir eigentlich nichts anderes, als nicht zu überleben in einem Leben ohne DICH.

Kein Außenstehender ahnt wohl, was es heißt, in jedem durchschmerzten Moment den Verlust und die Trauer zu fühlen. Der Tod des geliebten Menschen bestimmt jeden Wimpernschlag der Wirklichkeit. Allein die Vorstellung einer solchen Wirklichkeit ist unaushaltbar. Trauernde jedoch müssen dies nicht nur einen Gedanken sondern wirklich ein ganzes Leben lang aushalten.

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