Nie wieder >

Realität und Wirklichkeit

Your absence has gone through me
Like thread through a needle
Everything I do is stitched with its yarn

Ich höre einen Beitrag über den Unterschied der Begriffe „Realität“ bzw. „Wirklichkeit“. So leitet sich „Realität“ von lat. „res“, „die Sache“ ab, während die „Wirklichkeit“ das ist, worin etwas „wirkt“. Realität beschreibt somit eher objektiv die Welt der Dinge, während Wirklichkeit durch Bewusstsein erst entsteht.

Etwa einen Monat nach der Katastrophe beginnt die grausame Realität Wirklichkeit zu werden und nach der Emotion zu greifen. Das Tor zur Hölle tut sich auf. Immer wieder breche ich wild schreiend zusammen, während Qual und Schmerz auf mich eindreschen. Liege ich dann in tausend Scherben zerbrochen am Boden, wird ein riesiger Fels auf mich geworfen: DU würdest wahrscheinlich noch leben jetzt, hätte sich nicht jemand in selbsternannter Mission so massiv in das Geschehen eingemischt. Jemand, der mir nun „von ganzem Herzen“ wünscht, „dass diese Wunde heilen möge“. Der Zynismus kennt keine Grenze der Erbarmungslosigkeit! Wunde?! Ich habe keine äußerlichen Wunden, sondern ich habe mein Ich, mein Leben verloren. Wie sollte ein Verlust heilen? Ein Verlust wäre allenfalls zu ersetzen. Doch ein Leben, DEIN Leben ist nicht zu ersetzen, nicht DIR und nicht mir.

Die Natur ist da sehr genau. Es tut exakt so weh, wie es die Sache verdient.

Julian Barnes

Die Sache: der Herzschlag meines Lebens, meine Lebensliebe, mein Lebensglück. Seit gut einem Monat ist auch mir, wie Julian Barnes es umschreibt, der Lebensnerv herausgerissen.

Es wird von Tag zu Tag elender.

Gedanke an Mam.s Tod: plötzliches, flüchtiges Flackern, ganz kurze fadings, schmerzhafte und doch gleichsam leere Stiche, an denen das Entscheidende die Gewissheit des Endgültigen ist.

Roland Barthes

Ich bin inzwischen kaum noch ansprechbar. Je weiter das „Niewieder“ in mein emotionales Bewusstsein dringt, desto abartiger mein Zustand. Die Bilder der Erinnerung überfallen mich wie Raubvögel, die mir die Eingeweide bei lebendigem Leib herausreißen.

Nachdem ich alles verloren habe, was mir lebenswichtig war, will man mir aufzeigen, dass das Leben für mich wohl noch eine Bestimmung bereithält, nachdem eben dieses Leben mir die Lebensgrundlage entzogen hat.

Jahrzehntelang mich mit dem Unerträglichen arrangieren, wobei feststeht, dass ich das Lebenswichtigste nicht mehr wiedererlangen werde, woran ich mit meinem ganzen Wesen hing, das mein ganzes Wesen erfüllt und ermöglicht hat.

Aus dem siebten Himmel bin ich abgestürzt bis in die tiefste Höle hinein. Irgendwann wird vielleicht der Schmerz nachlassen, aber dann erst wird das wahre unendliche Leid beginnen – ähnlich einer Flutkatastrophe, bei der das ganze Ausmaß der Schäden erst deutlich wird, nachdem sich das Wasser zurückgezogen hat. Welch eine Bestimmung!

Du überall nirgends

DU fehlst bei allem was ich tue, denke, fühle. Alle Wege in meinem Kopf und meinem Herzen führten durch DEIN inspirierendes Wesen hindurch und führen nun ins Leere. Es fehlt mir das Leben mit DIR in seiner beglückendsten Normalität. Es fehlt einfach alles, wodurch mein Leben lebend war.

Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Handlung hatte H. zum Gegenstand. Jetzt ist das Ziel verlorengegangen. Aus Gewohnheit spanne ich weiterhin den Pfeil auf die Sehne, dann erin­nere ich mich und muss den Bogen weglegen. So viele Wege führen mich gedanklich zu H. Ich gehe auf einem von ihnen los. Aber ein un­passierbarer Grenzposten versperrt plötzlich den Weg. So viele Wege einst; jetzt so viele Sackgassen

C.S. Lewis

 

 

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