Und Trost ist nicht >

Das Unverständnis des nichttrauernden Umfelds wächst auch hinsichtlich der Totalität des DU-Verlustes: „du bist doch stark und es gibt doch auch viele andere Aspekte in deinem Leben, Menschen, die dich brauchen“, etc. Man möchte weiterhin Krisenintervention anbieten ohne das Ausmaß der Krise anzuerkennen bzw. ohne zu verstehen, dass es gar nicht um eine „Krise“ geht, aus der man irgendwann gestärkt hervor geht – oder um eine Art „Episode“ des Lebens, in welches man nach einer gewissen „Verdauungszeit“ zurückkehrt.

Denn dieses Schicksal schien mir das allerärgste: einen Zustand erreichen, wo mir meine Liebes- und Ehejahre in der Rückschau als eine reizende Episode erschienen – gleichsam wie Ferien -, die den Gang meines Lebens kurz unterbrochen und mich dann dem Normalzustand zurückgegeben hätten, unverändert. Und nach und nach kämen sie mir unwirklich vor – als etwas, das der üblichen Struktur meiner Lebensgeschichte … fremd wäre …

C.S. Lewis, Über die Trauer

Der Tod ist keine Episode oder Krise, er ist Vernichtung. Der Tod meines Geliebten Sterns hat ihn und mich vernichtet. Ich habe meine Lebensliebe und mein Lebensglück verloren, aber ich möge wahrnehmen und anerkennen, dass dies lediglich eine Facette meines Lebens unter vielen war, dass ich das Leben anderer noch immer bereichern könne, dass ich erfolgreich im Beruf gewesen sei und dass auch die Blumen noch immer für mich blühen.

Die Frage nach allgemeinen Fähigkeiten und Stärken erleben Trauernde als nicht zur Verlustsituation passend. In ihrem Erleben stehen der Tod und der Verlust im Zentrum, denen keine Fähigkeit Abhilfe schaffen kann. Auch die Frage, wie frühere Verluste oder andere schwere Krisen bewältigt wurden, kann als unangemessen erlebt werden. Für Trauernde ist jeder Verlust einzigartig, sodass eine Übertragung früherer Erfahrungen in die gegenwärtige Trauersituation als Abwertung des aktuellen, einzigartigen Verlustes verstanden werden kann. Die Frage nach dem, was den Betroffenen guttun könnte, wird angesichts des Todes des geliebten Menschen häufig auch als egozentrisch gewertet.

Roland Kachler, Hypnosystemische Trauerbegleitung

La mort

Ich lese noch immer viel, kann jedoch nur Texten über Trauer und Verlust folgen. Es zwingt mich zu einer Art Ablenkung, ohne dabei abzulenken. Außerdem fühle ich mich nicht ganz so allein, wenn ich mich in treffend formulierten Gedanken und Gefühlen der Schriftsteller wiederfinde.

So liegt „Der Tod“ (orig. „la mort“) von Vladimir Jankélévitch auf meinem Nachttisch, eine 500seitige philosophische Betrachtung zur Betäubung meines verzweifelten Herzens. 500 Seiten, die das dunkle Geschick umkreisen, das Geheimnis, das wir im Grunde nicht in der Lage sind zu denken, das wir aber als Trauernde mit ganzer Seele und ganzem Leben erleiden, wenn es uns in der „Zweiten Person“, dem Du, ereilt:

In dem Mitleid und der herzzerreißenden Traurigkeit, die das Verschwinden des geliebten Wesens in uns auslöst, leben wir den Tod des Nächsten wie unseren eigenen. … Der Ab­stand zwischen dem Ich und dem Du steht für die minimale Distanz, diesseits derer das Subjekt das Objekt absorbieren würde … Der trauernde Mensch, der sich in Zuneigung, verzehrt, erlebt an sich selbst die unerhörte und niederschmetternde Wahrheit des Todes… empfindet schmerzlich in seinem Innern (dessen) Tragödie…

Vladimir Jankélévitch, Der Tod

In diesem Sinne verstehe ich eine zuweilen vorgenommene Unterscheidung zu sogenannter „normaler“ Trauer. Wie nahe steht mir die verstorbene Person? Ist (m)ein Du gestorben, oder – wie im sog. „Normalfall“ – ein entfernterer Er bzw. eine oder mehrere weiter entfernte SIE?

Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten. Es glich nicht dem, was ich spürte, als meine Eltern starben; mein Vater starb wenige Tage vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag und meine Mutter einen Monat vor ihrem einundneun­zigsten, beide nach mehreren Jahren wachsender Verwirrtheit. Was ich jedesmal spürte, war Traurigkeit, Einsamkeit (die Einsamkeit, die ein verlassenes Kind gleich welchen Alters fühlt), ein Bedauern über die verstrichene Zeit, über Dinge, die ungesagt blieben, ein Bedauern meiner Unfähigkeit, den Schmerz, die Hilflosigkeit und die körperliche De­mütigung, die beide auszuhalten hatten, zu teilen oder gegen Ende auch nur wahrzu­haben. Ich verstand, dass diese Tode unvermeidlich waren. Mein ganzes Leben lang hatte ich mit diesen Toden gerechnet (sie mit Schrecken erwartet, gefürchtet, geahnt). Als sie eintraten, blieben sie in Distanz zu mir, fern dem laufenden Alltag meines Lebens. … Mein Vater war tot, meine Mutter war tot, ich musste eine Weile auf Minen acht­geben, aber ich stand morgens immer noch auf und brachte die Wäsche weg. Ich plante immer noch das Festessen für Ostersonntag. Ich dachte immer noch daran, meinen Pass verlängern zu lassen.

Joan Didion, Das Jahr magischen Denkens
Marie Luise Kaschnitz

Der Silberstreif

Es erkundigte sich eine Kollegin und fragte nach dem be­rühmten „Silberstreif am Horizont“. Dieser Ausdruck gehört nach meinem Empfinden unbe­dingt auf eine „Liste der für Trauernde unzumutbaren Vokabeln“. Wieder ging es um Er­holung, Problemlösung und Krisenbewältigung.

Er war freundlich gewesen, hatte mir Mut gemacht, er war ein echter Freund Ich dage­gen fing in seiner Praxis an zu weinen, weil er mich fragte, wie es mir ging. ‚Ich sehe einfach nicht, was daran gut sein soll‘, hörte ich mich sagen, als Versuch einer Erklärung. … Später sagte er … ‚Natürlich weiß ich, was du sagen wolltest … du wolltest sagen, dass du das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen kannst.‘ Ich stimmte zu, aber das war es überhaupt nicht. Ich hatte ziemlich genau das gemeint, was ich gesagt hatte: Ich verstehe nicht, was daran gut sein soll.

Joan Didion, Das Jahr magischen Denkens

Nicht der Silberstreif, sondern der Horizont ist es, vor dem es mir graut: täglich aufzuwachen und neu „realisieren“ (steht auch auf der Liste) zu müssen, dass man dies Leben nun in der ewigen Abwesenheit des geliebtesten Menschen zu leben, überleben hat. Was immer eine wie immer geartete „Zukunft“ (Liste!) auch bringen möge: zu wissen, was, bzw. wen sie nicht bringen kann, reicht mir, um zumindest keinerlei Interesse darin zu investieren.

Ich habe mein DU verloren und mein DU hat sein Leben verloren! Der Schmerz in einem solchen Verlust ist der tiefste, den ein Mensch erleben kann. Angesichts der Katastrophe des verlorenen DU bedeutet jeder Silberstreif für mich und mein Leben nicht mehr als eine Fata Morgana an einem Horizont, auf welchen ich gar nicht zu­steuern will. So treibe ich quasi auf einem schmalen Brettchen balancierend durch den Nebel. Ohne Horizont.

Was auch immer ich „schaffen“ und „leisten“, worum auch immer ich „kämpfen“, woran auch immer ich „arbeiten“ sollte: Der Horizont bleibt unverändert, schmerzvoll, untröstlich, unver­söhnlich, eine ihres wesentlichsten und wertvollsten Inhalts beraubte Wirklichkeit.

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