Leftover Wife >

Lange Zeit war es mir nicht möglich, immer wieder waren mir auf dem Weg die Beine weg­geknickt. Doch dann war ich zum ersten Mal bei DIR an DEINER letzten Ruhestätte – in professioneller Begleitung, sonst hätte ich mich vielleicht danach möglicherweise auf die Schienen gelegt.

Eine Blume habe ich dort bei DIR gelassen und einen Vers, den ich auf eine von den Reservefliesen aus meinem Badezimmer, das auch unser gemeinsames werden sollte, schrieb. Es fällt mir grausam schwer, jegliche Art von Gedenkort einzurichten oder aufzusuchen. Zwar ist das Schlimmste und Grausamste bereits geschehen, der Schmerz ist überall, allerdings es ist mir dann doch wichtig, etwas dort niederzulegen

Wie eine Pestbeule brach an DEINEM Stein wieder der ohnmächtige Schmerz in mir darüber auf, dass DU zum jetzigen Zeitpunkt nicht hättest sterben müssen, wäre nicht jene unheilvolle Verlegung erzwungen worden durch die, die jetzt dein Grab hingebungsvoll zerpflegt.

Dorthin zu gehen und sich mit dem Entsetzlichen zu konfrontieren, war schauderhaft. Noch viel grauenvoller ist es allerdings, jeden Tag ohne DICH zu sein und das bittere schreiende Unrecht DEINES Todes aushalten zu müssen.

Es stimmt schon, mein Leid gilt zum Teil mir selbst – seht mal, was ich verloren habe, seht, wie mein Leben reduziert wurde –, aber es gilt noch mehr, viel mehr, und das von Anfang an, ihr: Seht doch, was sie verloren hat, da sie jetzt das Leben verloren hat. Ihren Körper, ihren Geist, ihre strahlende Neugier auf das Leben. Manchmal fühlt es sich an, als habe das Leben selbst am meisten verloren, sei im wahrsten Sinne beraubt worden, weil es ihrer strahlenden Neugier nicht mehr ausgesetzt ist.

Julian Barnes, Lebensstufen

Warum…

Mit Asche bedeckten sie da
Das Feuer DEINES Herzens
Zusehen musste ich, wie es erlosch
Funke um Funke.

Marie Luise Kaschnitz

Wenn sich die unfassbare, grausame Wahrheit DEINES Todes schon nicht leugnen lässt, über­steigt es meine Geisteskraft erst recht, warum auch noch diese Ungerechtigkeit sein musste! DICH nach jeder überstandenen Krise erneut niederzuwerfen: immer wieder, bis zum gnaden­losen Ende!

Warum diese Ungerechtigkeit?

Warum musstest du auf solch sinnlose Weise sterben?

Warum durftest DU es nicht schaffen?!

Warum durften wir denn unser Wir nicht weiterleben?

Warum dürfen andere ihr Wir weiterleben?

Warum gerade DU, warum gerade mein DU, warum gerade mein DU?

Ich kämpfe nicht. Ich kapituliere vor der schmerzenden Sehnsucht, vor der Barbarei des Lebens. Wie und womit sollte ich auch dagegen kämpfen – und vor allem, wozu? Wenn ich ihn dann bekämpft hätte, den Schmerz, was käme danach? Alles, worum ich kämpfen wollte, ist unwiederbringlich verloren. Mein Geliebter Stern erstrahlt nicht wieder, auch wenn ich noch so tapfer kämpfte und mir noch so viel Mühe gäbe. Darum versuche ich es erst gar nicht. So halte ich es noch am ehesten aus und ich verbiete mir die Frage nach dem Warum.

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