Leftover Life >

Wenn der eine stirbt und der andere lebt, was ist dann dieses übriggebliebene Leben? Meines ist ein unwirkliches verglichen mit dem, das ich verloren habe – ein unwirkliches übriggebliebenes Leben in einer Wirklichkeit, die für andere „nur“ eine Realität ist.

Interessant, über den Unterschied der Begriffe „Realität“ bzw. „Wirklichkeit“ nachzudenken: So leitet sich „Realität“ von lat. „res“, „die Sache“ ab, während die „Wirklichkeit“ das ist, worin etwas „wirkt“. Realität beschreibt somit eher objektiv die Welt der Dinge, während Wirklichkeit durch Bewusstsein erst entsteht.

Meine Wirklichkeit ist eine Qual – unausgesetzt der niederschmetternden Wahrheit DEINES Todes ausgesetzt, ist doch die gesamte innere und äußere Realität mit deiner Abwesenheit verbunden.

Ich habe mein verlorenes Leben geliebt, weil DU es vollkommen gemacht hast, vollkommen und ohne jede Gefahr der Abnutzung unerschöpflicher Höhepunkte von Lebensintensität. Dass Menschen an Kummer sterben, finde ich, mit Connie Palmen gesprochen, weniger erstaunlich, als dass sie ihn überleben. Sobald das Wir nicht mehr da ist, so Palmen, bricht das Ich zusammen.

Claire Goll

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Mascha Kaleko

DU bist weg – für immer! DEIN Leben ist vorbei! Das ungeheure Ausmaß dieser grausam unerbittlichen Wirklichkeit lässt sich nicht denken und doch hämmert dieser eine Gedanke rund um die Uhr auf mich ein.


Phantomgedanken zerfressen mich, wieder und wieder dieselben. Dennoch erfasse ich bis heute nicht, was geschehen ist: DU hättest jetzt nicht sterben müssen! Diesen Gedanken zu greifen, ist nahezu mörderisch. Man hat DICH liegen lassen mit abgestorbenem Gewebe im Bauch. Man hat gewartet auf eine verheerende Sepsis. Die hattest DU sogar auch noch überstanden! Und dann?! Diese terminale Infektion … woher hattest DU die? Von jemandes Händen!! Jemand hat sich die Hände nicht gründlich gereinigt!

Manchmal fällt es schwer, nicht zu sagen: „Gott verzeihe Gott.“

C.S. Lewis

Ich war am Ziel und brauche kein neues. Ich habe mein Ich und mein Leben verloren. Welches Ziel sollte sich dieses Nicht-Ich in diesem Nicht-Leben stecken? Ich verfolge nicht einmal das Ziel zu überleben, es passiert einfach.

In der Liebe lag mein schönstes Selbst in deinen Händen. Wir denken über das Selbst, als gehörte es uns, als sei es ein Besitz, den wir dauerhaft bei uns haben, eigenhändig gemacht oder erworben haben, aber das ist Schein. Das Selbst folgt einem entgegengesetzten Kurs: Es geht nicht von innen nach außen, sondern kommt von außen ins Innere.

Connie Palmen

Schon das Wort „Zukunft“ löst Panik in mir aus. Allein zu wissen, was Zukunft nicht bringen kann, reicht, um an dem Gedanken an sie zu verzweifeln. Jeder Augenblick führt mir vor Augen, was nicht mehr ist, nie mehr sein wird. Endloses Nicht und Niemehr.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr; –
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Mascha Kaleko

Das Schicksal sollte doch den Übriggebliebenen zumindest die Wahl lassen, mitzugehen oder zu bleiben.

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