DU wärst so gern noch >

Wenige Tage nach der Katastrophe meinte meine bis dahin hochgeschätzte Hausärztin zu mir, ich sei doch lediglich – wenn auch berechtigterweise – wütend auf die Geschehnisse und Unterlas­sungen des Krankenhauses; es sei zwar schlimm, jemanden zu verlieren, aber eben auch kein Weltuntergang.

Ja, die Erde dreht sich weiter, aber meine Welt ist untergegangen. Der Gedanke an das Krankheitsgeschehen und dessen Unnötigkeit bringen mich immer wieder in die Todeszone der Verzweiflung – als rennte ich unablässig mit dem Kopf gegen eine schwere eiserne Tür und schlüge mir dabei das Gehirn aus dem Schädel: DU hättest jetzt nicht sterben müssen!

Ich möchte an dieser Stelle nichts hören von wegen „die Was-wäre-gewesen-wenn-Frage stellen sich Angehö­rige hinterher immer; man weiß nie, was wie anders gekommen wäre“ usw. Wenn irgendetwas an mir noch funktioniert, dann ist es mein Verstand. Der sagt mir auch jetzt und bei allen giftigen Ungewissheiten immer noch dasselbe: Hätte die Geschiedene DICH dort gelassen, wo DU zunächst warst und wo das Besteck für eine notwendige Operation bereits so gut wie auf dem Tisch lag, würdest DU heute (recht wahrscheinlich) noch leben. Es wäre jedenfalls nicht das passiert was passiert ist. Wie am ersten Tag stürzt mich diese katastrophale Realität in heilloseste Verzweiflung.

Doch keine Entscheidung kann revidiert, kein Versäumnis nachgeholt, kein Fehler korrigiert werden. Die Tür bleibt verriegelt. Mein Herz und meine Seele sind unfähig, meinem Verstand in die vernichtende Wahrheit und Wirklichkeit zu folgen.

Wie entsetzlich, nach Erinnerungen greifen zu müssen! Es ist nicht fair, gedenken zu müssen. DU wärst so gerne hier, am Leben, das noch nicht zu Ende war. Folglich finde ich auch keinen Trost im Gedenken und in dem Gedanken, dass DU in meinem Herzen lebst, denn dort lebtest du ohnehin immer. Dass du nur noch in meinem Herzen lebst, ist im Gegenteil das entsetzliche Ergebnis der Tragödie. Ich will nicht gedenken (müssen) – ich will DICH lebendig zurückhaben.

Ich habe dich zu sehr geliebt, um hinzunehmen, dass dein Körper verschwindet, und zu verkünden, dass deine Seele genügt und weiterlebt. Und wie soll man es anstellen, sie voneinander zu trennen und zu sagen: Dies ist seine Seele und das ist sein Leib? Dein Lächeln und dein Blick, dein Gang und deine Stimme, waren sie Materie oder Geist?

Anne Philipe

Ich bin weit davon entfernt, die Realität zu akzeptieren und die Wirklichkeit auszuhalten. Erinnerungen an mein kurzes Glück und an meine glückliche Vorfreude auf ein noch dichter verwobenes Wir bereiten unerträgliche Phantomschmerzen. Jeder Blick, jede Handlung, jeder Gedanke ist durchdrungen von DEINER allgegenwärtigen Abwesenheit. Wie ein Foto-Negativ erscheint mir die Welt, wie die verlorene Form der Skulptur meines verlorenen Lebens.

Das Gehirn und das Unterbewusste scheinen das „Nicht“ nicht zu kennen. Der Satz ‚Der Verstorbene existiert nicht mehr‘ gleicht strukturell dem Satz ‚Die Farbe Rot gibt es nicht.‘ Um diesen Satz zu realisieren, ist es nötig, das Verneinte zu imaginieren. Das Nichts und damit das Nichtsein des geliebten Menschen lassen sich schlechterdings nicht denken und begreifen. Das Gehirn kann den geliebten Menschen allenfalls ‚vergessen‘, dem aber widersetzen sich die Loyalität und die Tatsache der emotionalen Verankerung des Verstorbenen im limbischen System des Gehirns

Die Verlustsituation wird als unlösbare Situation erlebt. Der intensive Wunsch, dass der geliebte Mensch wieder leben soll, ist nicht einlösbar. Kognitiv wissen Trauernde, dass dies nicht möglich ist. Emotional wünschen sie sich diese ‚beste Lösung‘. Angesichts der äußeren Realität ist die beste Lösung nicht zu realisieren. Dies ist unendlich schmerzlich. Zweitbeste Lösungen sind etwas Erzwungenes, das Trauernde eigentlich so nicht wollen. Die erste – erzwungene – zweitbeste Lösung besteht darin, … zu lernen, mit der äuße­ren Abwesenheit des geliebten Menschen zu leben … Die zweite – erzwungene – zweitbeste Lösung … besteht darin, den geliebten Menschen im Innern wiederzufinden, ihn dort zu bewahren und eine innere Beziehung zu ihm zu kreieren und zu leben

Roland Kachler

Jeder Gedanke an DICH kann nur noch ein Gedenken sein – diese Lösungen sind in meinem Er­leben nicht Lösungen, sondern das Problem! Sie beschreiben in etwa das übriggebliebene „Leben ohne Leben“ einer Hinterb-lieben-en. Genau daran gehe ich ja zugrunde!

Letztlich gibt es [zu den ausgeführten ‚Zweitbesten Lösungen‘] auch keine Alternative, es sein denn die Lebensverweigerung durch eine psychische Erkrankung oder durch Suizid.

Roland Kachler

Ich nehme die psychische Erkrankung, war mein spontaner Gedanke dazu. Doch das Unaushalt­bare scheint auch in einer Depression kaum aushaltbar. Was laut Kachler eigentlich nicht zu überleben ist, ist eben auch eigentlich nicht zu überleben.

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