Vom Ernst des Todes >

Es gibt eine Zeit, in der der Tod ein Ereignis ist, … Und dann ein Tag, an dem er kein Ereignis mehr ist, sondern nur noch eine Dauer …

Roland Barthes

Bezieht Barthes sich hier auf Vladimir Jankélévitch?:

... der Mensch, den das Unheil getroffen hat, nimmt den Tod jetzt ernst. … Sich des Ernstes des Todes bewusst zu werden heißt zunächst, von einem abstrakten und begrifflichen Wissen zu einem tatsächlichen Ereignis überzugehen. … in der Erfahrung der Trauer … vollzieht sich die Beförderung unseres Wissens zur Tatsächlichkeit. … Was wir gedanklich wussten, begreifen wir nun mit ganzer Seele, oder besser, mit unserem ganzen Leben. … Für denjenigen, der den Ernst des Todes ‚realisiert‘, hält der Tod Einzug in Zeit und Raum. Der Tod ist ein Ereignis, das stattfindet.

Vladimir Jankélévitch

Ein Ereignis ist DEIN Tod schon lange nicht mehr nur, sondern vielmehr auch eine Dauer, denn DU bist dauerhaft tot. Den Tod des DU aber realisieren wir wie unseren eigenen; so dauert DEIN Tod ebenso in meinem Dasein an.

In dem Mitleid und der herzzerreißenden Traurigkeit, die das Verschwinden des geliebten Wesens in uns auslöst, leben wir den Tod des Nächsten wie unseren eigenen. … Der Ab­stand zwischen dem Ich und dem Du steht für die minimale Distanz, diesseits derer das Subjekt das Objekt absorbieren würde … Der trauernde Mensch, der sich in Zuneigung, verzehrt, erlebt an sich selbst die unerhörte und niederschmetternde Wahrheit des Todes… empfindet schmerzlich in seinem Innern [dessen] Tragödie…

Vladimir Jankélévitch

Mein Dasein: Das Feuer lodert, auch wenn der Brand zwischenzeitlich einigermaßen unter Kon­trolle gehalten werden kann. Die Ruine ist höchst einsturzgefährdet. Ich bewege mich wackelig und zerrissen vom Unabänderlichen auf einem kleinen Kreis im minimalen Alltagsradius.

DEIN Grabstein klemmt dauerhaft in meiner Kehle und blockiert alles; er nimmt mir den Atem und auch zumeist die Tränen. Alles was ich tue, mache ich, anstatt zu weinen. Wenn ich anfange zu weinen, wird die Realität DEINES Todes zur unaushaltbaren Wirklichkeit, an der ich dann zu sterben oder zumindest wahnsinnig zu werden wünsche.

DU übtest mit mir das zweistimmige Lied
Die feuerfeste Arie der Liebe
Die jedem Brand widersteht
Aber der Tod hat sie doch versengt
Und ich breche zusammen unterm Gewicht
Des Kummers aus Blei

Claire Goll

Manchmal weine ich mit Feder und Tinte, horche dabei auf die Stille DEINER Abwesenheit und breche zusammen unterm Gewicht des Kummers aus Blei.

Ich fühle mich zum Rückzug hingezogen. Ausgehend von der Vorstellung, mein posthumes Restleben allenfalls in der Abgeschiedenheit einer mittelalterlichen Klosterstube aushalten zu können, um dort Tag für Tag Bücher abzuschreiben und zu illustrieren, habe ich mir tatsäch­lich eine kleine Schreibstube eingerichtet. Mit Tinte und Tusche, Stahlfeder und Federhalter (am liebsten mit dem „französischen“) kratze und kleckse ich Klageverse und Ornamente auf Papier.

Die unausgesetzte Präsenz DEINER Abwesenheit durchdringt dabei die Stille. Sie be­wahrt mich zuweilen vor dem infernalischen Gedankenkarussell und beschert mir ab und zu eine gewisse verständige Klarheit.

„Wenn man ohne jemanden leben kann, den man geliebt hat, be­deutet das, dass man ihn weniger geliebt hat, als man glaubte?“

Roland Barthes

Nicht nur, dass ICH mit DIR nicht mehr leben kann – so trieb dieser Gedanke aus dem „Tagebuch der Trauer“ sein Unwesen in mir – sondern vielmehr, dass DU (mit MIR) nicht mehr leben kannst, bildet die Essenz meiner Verzweiflung. Eine Nuance, die in der Dauer meiner Wirklichkeit den Unterschied zwischen Trennung und Verwitwung, Leben und Tod ausmacht.

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