Akzeptanz des Inakzeptablen>

Den Geliebten zu überleben, erscheint mir zunehmend kränkend – als würde man jemandem, der beide Beine verloren hat, ständig daran erinnern, wie gerne er immer joggen ging und er doch früher kein Marathonereignis ausließ. Es ist dazu beschämend – wie der Überfluss im Kecksregal angesichts des Hungers in der Welt.

Auch weigere ich mich strikt, Trauer und Verlust als eine Basis für Charakterbildung anzuerkennen, denn das würde bedeuten, dass es der Tod ist, der einen solchen Fortschritt ermöglicht. DEIN Tod als Voraussetzung neuer Lebensperspektiven und zum Nutzen meiner geistigen und seeli­schen Entwicklung??!! Das empfinde ich als zynisch.

Die Begierden, die ich vor ihrem Tod … hatte, lassen sich jetzt nicht mehr erfüllen, denn das würde bedeuten, dass ihr Tod es ist, der mir ihre Erfüllung ermöglicht – dass ihr Tod für meine Begierden gewissermaßen befreiend wäre

Roland Barthes

Vielleicht erlebe ich deshalb jede wohlmei­nende Andeutung auf einen „Blick nach vorn“ (wo immer das sei?) als Beleidigung meines Lebens und als Verrat an meiner Liebe.

Von Joyce Carol Oates habe ich mir daher das Prinzip zu eigen gemacht, alle meine Handlungen, Tätigkeiten und Erwägungen lediglich als gleichermaßen bedeutungslose Alternativen zum Selbstmord zu betrachten. Zur Zeit kalligraphiere ich, bevor ich mich umbringe. Es bewahrt mich so lange vor Notarzt und Einweisung, bis der Anlass für diese Beschäftigung mir ins Be­wusstsein dringt sowie der Gedanke, dass DU nicht mehr in dieser Welt bist. Für immer. Dann verschlägt es mir vor Schmerz den Atem und ich wende mich erneut den Auf- und Abstrichen der Buchstaben zu, um zu überleben. Wie aus einem Nichts erfüllt dann manchmal ein „Satz mit Punkt“ meinen gemarterten Geist:

Nicht an Einsamkeit zerbreche ich, sondern an DEINER Abwesenheit.
Ich kann in Einsamkeit leben, jedoch nicht in DEINER Abwesenheit.

Nicht an der Sinnlosigkeit meines Lebens, zerbreche ich, sondern an der Sinnlosigkeit DEINES Todes.
Ich kann mit einem sinnlosen Leben leben, aber nicht mit DEINEM sinnlosen Tod.

Nicht an der Trauer um mein Leben zerbreche ich, sondern an der um DEIN Leben.
Die Trauer um meinen Verlust ist zu bewältigen, die um DEINEN nicht.

Ich kann ohne mich leben, aber nicht ohne DICH.

Bei Roland Kachler lese ich, dass in vielen Fällen das Sterben des geliebten Menschen von Hinterbliebenen als ein letztlich stimmiger Abschluss eines längeren Sterbe- und Abschiedsprozesses erlebt werde.
Ich kenne dieses „Stimmigkeitsgefühl“ vom Tod meiner herzkranken Großmutter, die sich nach dem Tode ihres Mannes nicht mehr geschont hat. Durch einen Sturz zog sie sich schließlich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Vor der OP nahm sie ihren kleinen Taschenspiegel, schminkte sich die Lippen und sagte: „Ich bin bereit!“ Sie hat die Operation nicht überstanden. Sie war Mitte 80 und wäre bald qualvoll an ihrem enorm vergrößerten Herzen erstickt. Sie starb, wie sie gelebt hatte. Zur rechten Zeit. Es „stimmte“ – für sie und für uns.

Letztlich kann ich auch den Tod meines geliebten Vaters als „stimmig“ akzeptieren, wenn auch er leider viel zu früh gehen musste. Er hat eine sehr bösartige Erkrankung ignoriert, doch wäre es ohnehin von vorn herein aussichtslos gewesen, wie uns im Nachhinein versichert wurde. Er ging seinen Weg bis zu seinem unvermeidlichen Ende.

Insofern kenne ich das Gefühl der Akzeptanz durchaus, so schmerzhaft der Abschied dessen ungeachtet auch immer war und ist.

An DEINEM Sterben aber gibt es nichts als Unstimmigkeiten. Inakzeptable Unstimmigkeiten, menschengemacht noch dazu. Wie sollte ich diese DEINE Vernichtung jemals „akzeptieren“, die auch mein Leben und mein Ich ruiniert hat. Nehmen wir an:

Eine hochtalentierte Tänzerin erhält nach vielen Enttäuschungen und Rückschlägen das ersehnte Engagement am Bolschoi-Theater. Selig vor Glück lebt sie vollkommen im Einklang mit sich selbst, gibt sie sich ihrer Liebe zum Tanz und ihrer Leidenschaft für ihr Haus ganz und gar hin. Dankbar und demütig feilt sie unermüdlich an Ausdruck und Technik ihrer Kunst. Der Tanz ist ihr Leben und das Theater ihre Heimat. Eine Spielzeit lang feiert sie Erfolg um Erfolg, dann geht das Gebäude in Flammen auf – fahrlässige Brandstiftung nicht auszuschließen. Sie, die sich stets in unmittelbarer Nähe zum Theater aufhält, wird durch den Einsturz schwer verletzt. Äußere Wunden sind nicht mehr sichtbar, doch die Tänzerin ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen.

Akzeptiere ich denn Unrecht und Gewalt, Betrug und Unmenschlichkeit?

Kosmologische Verallgemeinerungen und rationale Überlegung versuchen, den Tod zu bagatellisieren oder zu konzeptualisieren; sie wollen die metaphysische Bedeutung des Todes verringern, wollen aus der absoluten Tragödie ein relatives Phänomen, aus dem völligen Zunichtewerden ein partikuläres Dahingehen, aus dem Geheimnis ein Problem und aus dem Skandal ein Gesetz machen. … Doch die Offensichtlichkeit der Tragödie protestiert auf ihre Weise gegen die Banalisierung des Phänomens: die Selbstheit der dahingegangenen Person bleibt ebenso unersetzlich wie das Dahinscheiden dieser Person an sich nicht zu kompensieren ist …

Vladimir Jankélévitch

Mit dem Tod meines DU bin ich gezwungen, den Tod mitten in meinem Leben zu tolerieren*. Allein dies ist schon mehr – unendlich viel mehr – als ich ertragen und aushalten kann.

Akzeptieren** kann ich nur noch, wer sich dieser meiner untragbaren Toleranz, meiner „Bürde“ bewusst ist, sie nicht ignoriert*** und weder versucht, sie zu relativieren**** noch zu korrigieren*****, sondern sie akzeptiert** und includiert.******


Ich möchte in meinem Verlust wahrgenommen werden und als das, was ich bin: eine Frau, die ihren Mann verloren hat.

Anderenfalls ist „ignorant“*** das, was mich wohl am ehesten beschreibt.

*lat. tolerare: ertragen, aushalten (und nicht etwa von lat tollere: erheben, beginnen, verherrlichen)
**lat. accipere: annehmen, gutheißen
***lat. ignorare: nicht kennen, nicht wissen (wollen)
****etwas in seinem Wert einschränken
*****berichtigen
******lat. includere: einschließen, einfügen, mit einbeziehen

Ohnmächtig der grausamen Realität ausgeliefert muss ich diese tolerieren – muss aushalten und dulden, doch lehne ich es ab, um die Akzeptanz des Inakzeptablen zu ringen, denn alles war irrig an DEINEM Sterben und alles ist irrig an DEINEM Tod.

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