Der Schleier

Gebannt in dumpfes Nichts lag meine Seele
Rings flammte Lieb‘ und Sommer in den Kehlchen.
Rings blühten duftig die Gedichte auf
Doch meine Seele schlich erblindet, träge
Und tot durch goldigblonde Rhythmen hin
Gespensterkühl, matt und verständnislos

Lisa Baumfeld

Ich lebe – existiere – hinter einer Art Schleiervorhang, hinter dem Schleier des Nichtgewahrwerdens. Nur hinter diesem Schleier ertrage ich ansatzweise das Dasein. Dieser Schleier ist mein einziger Schutz vor weiterreichenden selbstvernichtenden Gedanken.

Schlimmste Panik und suizidale Verzweiflung brechen in mir aus beim Öffnen, Wegreden oder Wegreißen des Schleiers. Ein Moment des Gewahrwerdens, ein Gedanke an DICH, ein Gedanke, eine Situation, ein Ort, ein Klang aus meinem/unserem vorherigen Leben reicht aus, und ich breche sofort zusammen – schmerzverzerrt in stummem Schrei erstickend. Gleichzeitig kann ich an nichts anderes denken als an DEINEN Tod.

Im Lichtfleck Der hinstreift nachts
An der Wand meines Zimmers
Im Libellenflügel der surrt
In der Glocke, die hämmert.

DU
Überall Nirgends.

Marie Luise Kaschnitz

Die Kluge meint, ich brauche noch Zeit. Zeit …? … aber wofür? … und was bedeutet „noch“ in dem Zusammenhang? Die Zeit heilt Wunden und Krankheiten, so heißt es, aber ich habe keine Krankheiten, und ich habe nicht nur Wunden, sondern ich trage Leichname in mir: den Leichnam meines DU den meines ICH, den unseres WIR, den Leichnam meiner Vergangenheit (ja, auch den, denn es war viel zu kurz und viel zu früh, als dass ich dankbar zurückblicken könnte), den meiner Zukunft, den Leichnam meines Lebens. Was soll ZEIT da ausrichten? Zeit kann den Tod nicht heilen.

Doch es wächst der therapeutische Druck, warum ich denn (‚angeblich‘, klingt der Unterton) dieses oder jenes nicht aushalten könne, wie z. B. Situationen oder Orte aus dem früheren Leben. Nach dem Motto: was kann schon passieren? Ich bekomme Schweißausbrüche und Atemkrämpfe schon allein bei dem Gedanken, aber ich kann darauf nicht verhaltenspsychologisch zufriedenstellend antworten. „Es geht nicht. Es geht nicht, weil ich Leichen in mir trage, weil mein DU gestorben ist – gestorben wurde, deshalb geht es nicht.“ Diese Begründung ist jedoch diagnostisch nicht vorgesehen.

Was aber, außer der rohen Amputation ihres DU und dem gewaltsamen Herausreißen ihres Lebensnervs muss einer Seele noch zustoßen, bevor sie die Waffen strecken und sich blutend niederlegen darf! „Tod des DU“ reicht nicht für eine Diagnose.

„Sie haben ja nur (ja nur!) Angst, es könnte zu sehr wehtun“, so der Therapeut. Wovon redet er? Alles tut immer zu sehr weh und deshalb kann ich auf diese Annahme auch gar nicht reagieren. Das Überleben-müssen an sich bereitet den tiefsten Phantomschmerz, ungeachtet jeder Angst. Es geht doch nicht darum, ob irgendetwas irgendwann mehr oder weniger weh tut, es geht darum, eine Position in diesem amputierten Leben zu finden, in dem das Dasein zwar schmerzhaft und sinnlos, aber möglich scheint. Ich habe bislang gerade andeutungsweise eine Ahnung von dieser Position, doch leistungsfähig bin ich darin nicht.

Verwitwung sollte als Grund ausreichen, nicht mehr leistungsfähig sein zu können. Generationen von älteren Witwen und Witwern (nicht alle natürlich, aber eben die weniger resilienten, zu denen ich mich auch zähle) lebten und leben in einer solchen Position, ohne dass jemand Druck auf ihre Leistungsfähigkeit ausübt, schon gar nicht auf ihre berufliche. Ach, wäre ich doch zumindest zehn Jahre älter und wenigstens befreit von dem Druck, der auf dem bleiernen Kummer zusätzlich lastet: dem Erwartungsdruck, Erfolgsdruck, Fortschrittsdruck, Entwicklungsdruck, Leistungsdruck, Therapiedruck, Genesungsdruck, Resilienzdruck, Existenzdruck.

„Sie müssen (Unterton: ‚jetzt endlich‘) begreifen, dass Ihr Lebensgefährte nun mal leider gestorben ist.“ Dieser Rat hätte auch vom Zahnarzt kommen können, aber so fasste es der Psychologe zusammen. Was soll ich darauf antworten? Die Wahrheit scheint mir selbst zu kompliziert, als dass ich sie ihm schildern mag:

Erstens, Herr Doktor, ist mein Lebensgefährte nicht gestorben, sondern er wurde gestorben. Ich habe es aufgegeben auszuführen, wie massiv ich mich durch diesen Unterschied im medizinischen Sinne traumatisiert fühle, da ich diesbezüglich mehrfach mit Standard-Antworten abgefertigt wurde („Sie sind sehr traurig und Ihre Nerven sind halt recht dünn“).

Zweitens tue ich den ganzen Tag nichts anders als Begreifen und genau das bringt mich um – Stück für Stück, je mehr ich begreife, sofern man den Tod überhaupt begreifen kann.

Wie oft – soll es gar so bleiben? – wie oft wird mich die ungeheure Leere als etwas ganz Neues entsetzen und mich sagen lassen: „Bisher habe ich den Verlust gar nicht wirklich gespürt“? Dasselbe Bein wird stets von neuem amputiert

C.S. Lewis

Ich weiß schneidend scharf, dass mein Lebensgefährte „nun mal leider“ gestorben ist. Was das für ihn bedeutet, wird wohl niemand begreifen können, aber was das für mich bedeutet, begreife ich zunehmend. Und genau deshalb brauche ich den Schleier, der mich nicht vor dem Begreifen schützt, sondern vor dem Gewahrwerden. Sobald ich wahrnehme, was ich begreife: diesen grausam teuflischen Vertrauensbruch des Lebens nämlich, erscheint es mir leichter zu sterben als zu leben.

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Mascha Kaleko

Bitte lasst mir den Schleier, auch wenn der mich nicht leistungsfähig, resilient oder heil macht.
Er ist mein einziger Schutz

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