Ich möchte in meinem Kummer wohnen >

Die Kluge steht mir unerschütterlich zur Seite, aber auch all ihre Bemühungen setzen ein „Wollenkönnen“ voraus. Ich aber kann nicht und nichts wollen als das alte gemeinsame Leben leben oder gar nicht leben.

Beides sind keine realistischen Optionen und schon gar keine tragfähigen Voraussetzungen um beruflich Verantwortung für Menschen übernehmen zu können, selbst wenn ich es unter Umständen sogar irgendwann „schaffen“ könnte, körperlich anwesend zu sein; nervlich und emotional bin ich den Anforderungen dort keinesfalls gewachsen, auch wenn ich wollen könnte.


DEINEM Tod und meinem Leid stehe ich machtlos gegenüber. Ich sehe keinen Grund, einen ziel- und aussichtslosen Kampf zu führen. Um zumindest weiter atmen zu können, muss ich eine Daseinsorganisation finden wollen, in der ich nichts mehr wollen können muss, außer vielleicht „in meinem Kummer zu wohnen“ wie Roland Barthes es beschreibt:

Mir ist alles unerträglich, was mich daran hindert, in meinem Kummer zu wohnen. Ich wünsche mir nichts anderes, als in meinem Kummer zu wohnen.

Eine solche Wohnung wäre auch meiner Seele gemäß, die sich zumindest niederlegen und in ihrem Kummer wohnen möchte, wenn ihr die Erlösung vom Dasein schon versagt ist. Vielleicht ließe sich diese Wohnung irgendwann sogar aushaltbar einrichten, als eine Art Palliativstation für das todkranke Herz und als eine Herberge für andere todkranke Herzen.

Diese Form der Anpassung an die Situation ist aus therapeutischer Sicht natürlich vollkommen indiskutabel. Das ist zu viel verlangt; so etwas darf eine Seele nicht wollen, denn eine solche Form der Anpassung stört das System. Das Gesundheitssystem, das Leistungssystem, das System der Leid- und Trauerwissenschaften, das therapeutische Erfolgssystem, das System der bedingungslosen Lebenslogik.

Qui non potest vivere bene non vivat male.
Meine Bindung ans Leben ist nicht mehr als ein dünner Faden aus Selbsterhaltungstrieb, Pflichtgefühl, Angst und Feigheit.


Ich kann mir kein neues Leben aufbauen, denn was sollte aus dem NICHTS entstehen? Eine Zukunft, die sich auf DEINEN Tod gründet? Wie beschämend, demütigend und grausam. Ich kann das alte Leben auch nicht ansatzweise wieder aufnehmen, denn:


Jede Berührung mit dem Davor ist unaushaltbar,
Jede Berührung mit meinem verlorenen DU ist unaushaltbar,
Jede Berührung mit meinem verlorenen ICH ist unaushaltbar,
Jede Berührung mit meinem verlorenen Leben ist unaushaltbar

Der Druck, eine Rückkehr in ein Leben anstreben können zu wollen und zu sollen, ist unerträglich.

Ist dies der Druck einer Art „Ideologie des gelungenen Lebens“? Wer davon abweicht, wer desillusioniert oder zerstört ist, der stört auch das System einer selbstgefälligen therapeutischen Gesellschaft, die meint, für alles und jedes eine Lösung zu haben und deren absurde Antworten auf die rohen Katastrophen des Lebens wie eine Glasur auf einen Meißener Scherbenhaufen gepinselt werden.


Die Kluft zwischen dem Davor und dem Seither ist unüberwindlich.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s