L’échec

11 Monate nach der Reaktorkatastrophe meines Lebens, meines ICH

wo sind wir gelandet und wohin sollen wir

fragt sich eine Mittrauernde. Lichtjahre bin ich entfernt, davon auch nur eine leise Ahnung zu haben.

Augen und Ohren haben wahrgenommen, was heute vor genau elf Monaten mein Du, mein Ich, mein Leben und mein Alles vernichtete, doch weder Kopf noch Herz begreifen das Ausmaß der Wirklichkeit – wahrscheinlich zu meinem Schutz, denn zu erfahren, was begreifen heißt, ist nicht aushaltbar.

Mehrmals gab es in den vergangenen Tagen Momente, die mich in die absolute Todeszone der Verzweiflung schleuderten:

Abgrundtiefe Einsamkeit, die jedoch nicht im Alleinsein begründet lag, sondern in einem fassungslosen Entsetzen über das, was das Leben mir und uns angetan hat.

Ich stieß dieser Tage im Netz auf ein Foto, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: eine (junge) Frau im Brautkleid kniet am Grab ihres Mannes. Dies Bild drehte an einem der schärfsten Messer in meinem Bauch: Ich bin zwar nicht mehr jung, aber auch ich hatte sozusagen das Hochzeitskleid quasi noch an.

Inzwischen beneide ich selbst andere Übriggebliebene, wie beispielsweise meine Mutter, die sagen können:

Wir hatten 40 gute Jahre, dafür bin ich dankbar – das Ende war unvermeidlich.

Das Ende meines Du war weder unvermeidlich, noch starb er einen Tod, der dunkelgolden glänzt und nach Weihrauch duftet. Dies sind nur weitere zwei der tausend nicht minder scharfen Messer, die seit dem Tag X in meinem Bauch stecken

Zu den Messern in meinem Bauch, die mit dem Verstreichen der Zeit nicht stumpfer werden, kommen die Felsen auf meiner Brust, deren Druck mit der Zeit nicht ab- sondern noch zunimmt: Hoffnungsdruck, Therapiedruck, Genesungsdruck, Zuversichtsdruck, Resilienzdruck, Existenzdruck, um nur einige der schwersten Brocken zu nennen.

Die Therapie- und Therapeutenfrage beschäftigt mich daher unablässig, obwohl ich am liebsten diesbezüglich alles abbrechen und das sein dürfen wollen würde, was ich bin: eine an der Gewalt des Lebens und am Tod ihres Geliebten Zerbrochene und keine Patientin, deren Effizienz für das System wiederhergestellt werden soll, mittels Exposition und kognitiver Umstrukturierung, als wäre es mein Problem, mich nicht mehr aus dem Haus zu wagen wegen der Krokodile auf den Straßen.

Gedanken wie der auf ein Recht, lebensuntüchtig zu sein, oder dass es Menschen gibt, die sich nicht [mehr] ans Hiersein gewöhnen können, wie sie mir beim flüchtigen Durchblättern im Netz unter dem Suchbegrff „Adelheid Duvanel“ begegnen, wirken auf mich ähnlich beruhigend wie Bilder von Gräbern und Trauerengeln.

Im échec – nach Jean Améry dem schicksalhaften, irreversiblen und absolut unerbittlichen Scheitern – zu überleben scheint mir weniger unmöglich als gegen ihn anzuleben – wobei ich mich nicht unbedingt als „gescheitert“ betrachte, sondern eher als eine vom Leben gedemütigte, verhöhnte, verwundete, bestrafte, verratene und betrogene.

Améry beleuchtet in seinem Diskurs über den Freitod zwar Suizid, Suizidalität, Suizidäre und Suizidanten (ich bin ausdrücklich nicht an dem Punkt, mich innerlich seiner Todeslogik zu öffnen), doch fühle ich mich als Trauernde ebenfalls angesprochen, wenn er schreibt:

Nie werde ich den schrecklichen und beschämenden Eindruck vergessen, der in mir erweckt wurde durch eine junge Frau, die nur von ihren Freitod-Absichten gesprochen hatte, […] verzweifelt [nun] das Urteil von ein paar universitär ausgebildeten Toren erwartend, denen sie intellektuell turmhoch überlegen war. Welch unglaubliche Anmaßung einer Gesellschaft [und Arroganz einer Wissenschaft], die um den Tod herumredet! 

Gegen meinen échec anzuleben oder anzutherapieren und so zu tun, als wäre es mir möglich, eines Tages die Scherben der Tasse meines Lebens wieder zusammenzukleben, um sie wieder nutzen zu können (so die geradezu groteske Metapher der Psychologin einer Mittrauernden, welche sich meinem Empfinden nach eignet, obiges Améry-Zitat zu illustrieren), entfremdet mich nur mehr von mir selbst.

Noch einmal Améry:

Der Depressive oder der Melancholiker, für welchen ‘die Vergangenheit unwürdig, die Gegenwart schmerzhaft, die Zukunft nichtexistent sind‘, wie der Fachmann seinen Zustand beschreibt [und wie es mit Ausnahme der unwürdigen Vergangenheit auch auf solche Trauernde wie mich zutrifft], ist so wenig krank wie der Homoerotiker. Er ist nur anders. […] Wer als Melancholiker seiner Berufstätigkeit nur mit Widerwillen und darum unzulänglich, schließlich gar nicht mehr nachgeht [bzw. nachgehen kann], […] ist für die Gesellschaft nicht brauchbar, funktioniert nicht. Die Sozietät muss also danach sehen, dass man ihn ’heile‘, durch psychotherapeutisches Herumgerede, durch Elektroschocks [1976!], durch chemotherapeutische Behandlung […] Herumgerede und Schocks und Präparate stehen hier im Begriff, einen, der anders war, von sich heraus, zum Noch-Anderen zu machen. Ein Ich, einem Menschen oktroyiert, welches nur das fragwürdige Produkt äußerer Eingriffe ist, die ihn seinen Eigeninteressen entfremden. Wo aber die Depression, die Melancholie [oder die Trauer] angegangen, wo gar ein Freitod-Projekt vereitelt wird, dort geschieht der res cognitas ein Leids, ein übleres, als trübste Seelenverfassung es jemals sein kann. Dass allenfalls der ’Geheilte‘, wenn er erst selber nichts mehr weiß und stumpfsinnig funktioniert, dankbar sagt, es habe ihm Dr. Soundso ein Medikament verschrieben und seither sieht er die Welt wieder in rosigem Licht, meint gar nichts. Da plappert einer, dem man andere Rede untersagte.

Wenn außerdem schon das Bild einer angeschlagenen Tasse, das mich noch immer aufgregt, als Metapher für die granulierte Kathedrale meines Lebens herhalten muss:
Es geht doch nicht um die Tasse, es geht um den TEE! Was ist mit dem TEE? Und was ist mit Tasse und Tee meines geliebten Du? Ich verdurste nicht, weil meine Tasse kaputt ist, sondern weil die Tasse meines Geliebten zerschlagen und unser Tee vernichtet wurde. Ich verdurste, weil wir nicht zwischen meiner und deiner Tasse unterschieden bzw. aus derselben getrunken haben. Meine verdammte Tasse ist hingegen beschämend intakt.

Vielleicht beschreibt l’échec tatsächlich am ehesten den Punkt, an den ich geraten bin, um eine Antwort auf den ersten Teil der Eröffnungsfrage zu versuchen.

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