Ja, immer noch

und immer wieder erfasst mich das Entsetzen erneut …

Vorhölle

Ursprünglich warst DU wegen einer riskanten Gefäß-OP ins Krankenhaus eingeliefert worden. Diese hattest DU gut überstanden und es ging bereits um einen Entlassungstermin, als DU plötzlich einen ungewöhnlichen Durchfall bekamst und für Infusionen wieder auf die Intensivstation zurückverlegt werden musstest. Dazu wurde ein Coronatest gemacht, der positiv war, doch warst DU zu keiner Zeit an COVID erkrankt. Die Untersuchungen gingen weiter und man stellte massive Durchblutungsstörungen im Darm fest – möglicherweise eine Komplikation der Gefäß-OP. Eine weitere OP wurde anberaumt, in der man das tote Gewebe entfernen und einen künstlichen Ausgang legen wollte.

Hätte man DICH an dem Ort belassen, wo DU warst und die Dinge so unternommen, wie sie geplant waren, wäre das Bett neben mir jetzt wahrscheinlich nicht kalt.

DU hast der Geschiedenen als Ärztin vertraut und ihr zu Beginn eine Auskunftsberechtigung unterschrieben. Niemand, am allerwenigsten gar DU selbst, hat ahnen können, dass DU damit quasi DEIN Todesurteil unterschriebst. Mit diesem Papier rechtfertigte die Geschiedene alles. Dass sie als Ärztin Ein­blick in das medizinische Geschehen bekommen sollte, schien uns allen zunächst vernünftig zu sein. Sie setzte dann allerdings aus sehr persönlichen und unprofessionellen Gründen sowie gegen alle Widerstände der dich behandelnden Ärzte DEINE Verlegung in ein anderes Krankenhaus durch. Den genauen Schriftwechsel kenne ich nicht, doch zu dem Zeitpunkt sprach sie noch mit mir und berichtete hochmütig, mit welchen Drohungen sie die Klinik weiter unter Druck zu setzen gedachte. Es ging ausdrücklich darum, dass sie in ihrer ehemaligen Ausbildungsklinik mehr Geltung und Einfluss genoss und nicht etwa darum, dass sie über­zeugt gewesen wäre, DU wärst woanders grundsätzlich medizinisch kompetenter versorgt gewesen. Unter Androhungen von Anwälten und Polizei erpresste die Geschiedene die Verlegung in ein Krankenhaus, das für mangelnde Hygiene und andere Versäumnisse nicht unbekannt ist, wie ich im Nachhinein erfahren musste.

DU wirst es gebilligt haben, warst aller­dings zu dem Zeitpunkt oft schon sehr verwirrt und in dieser Ausnahme­situation sicher nicht voll entscheidungsfähig. Es war aber ganz gewiss nicht DEIN ausdrück­licher Wunsch dorthin verlegt zu werden, schon allein deshalb nicht, weil alles, was mit dem sektiererischen Hintergrund der Geschiedenen zu tun hat, DIR zutiefst zuwider war.

Todbringende Triage

Spätestens hier spürte ich intuitiv, dass etwas an den Motiven der Geschiedenen nicht stimmte. Eine nicht greifbare Ahnung beschlich mich, sie handele eher zu ihrem als zu DEINEM Besten.

Corona bedingt gab es wie überall auch in jener Klinik keine allgemeinen Besuchsmöglichkeiten. Die Geschiedene sorgte dafür, dass ausschließlich sie und/oder euer gemeinsamer Sohn zu DIR durften.

Mit missionarischem Eifer agierte die Geschiedene dort, indem sie sich als DEINE Ehefrau ausgab. Sie mischte sich in Behandlungen und Therapien ein. Aufgrund ihrer Beziehungen und ihres Einflusses konnte sie jedem anderen Zugang zu DIR unterbinden.

Nach wenigen Tagen wurde triagiert, denn auf der Intensivstation wurde ein Bett benötigt und so verlegte man dich von dort auf die Corona-Normalstation, was die Geschiedene mit Stolz und Genugtuung erfüllte. Selbstgerecht führte sie nämlich die „Verbesserung“ DEINES Zustands zu weiten Teilen auf die planetarischen Heilmittel sowie auf das dortige, DIR „vertraute“ menschliche und örtliche Umfeld zurück, beharrlich ignorierend, dass DU nicht aufgrund psychosomatischer Beschwerden in intensivmedizinischer Behandlung warst. Wie sehr DU überdies damals in jenem Umfeld gelitten hattest, brauche ich nicht auszuführen.

Auf der Station ließ man DICH dann weiterhin erst einmal liegen und wartete mehr oder weniger ab, ob die Dinge nicht von selbst wieder heilten.

Zu meinem abgrundtiefen Entsetzen muss ich jetzt im Nachhinein immer wieder und von völlig unbeteiligter Seite hören, dass solche Kliniken, bekannt dafür sind, dass man, obwohl zu 100 Prozent schul­medizinisch ausgestattet und geführt, zunächst abwartet und auf die Selbstheilungskräfte hofft – offenbar auch an­statt eine notwendige und bereits anvisierte OP durchzuführen, in der es darum geht, faulendes Gedärm zu entfernen. Welch ein Skandal! Was für eine medizinische Katastrophe!

Nach etwa einer Woche hatte ich die Möglichkeit, DICH durch ein Fenster zu sehen (DU warst ja Corona-positiv und daher nach wie vor isoliert). Da fragte ich mich und die Geschiedene bestürzt, warum DU denn noch immer so schwach warst, obwohl sich DEIN Zustand doch an­geblich weiter besserte. Niere und Herz verschlechterten sich, DU hattest Wasser an der Lunge und massive Atemnot, doch man schob dies auf DEINE allgemein angegriffene Verfassung und auf das lange Liegen, denn DU warst jetzt seit einem Monat im Krankenhaus Es war das letzte Mal, da ich dich lebend sah.

In Not und Todesangst riefst DU in der Nacht die Geschiedene an. Statt DICH dazu zu bewegen, den Knopf zu drücken, um die Nachtschwester zu rufen, die vermutlich dringend notwendige intensivmedizinische Maßnahmen veranlasst hätte, schlich sich die Geschiedene heimlich am Personal vorbei auf die Station zu dir ins Krankenzimmer. „Niemand hat bemerkt, dass ich da war“, feixte sie am folgenden Morgen. Atemübungen machte sie mit DIR. In dieser Nacht hast du mich das letzte Mal angerufen. „Es geht mir besser. Kannst du mich abholen?“ Geliebter Stern, ich konnte nicht wissen und nicht ahnen, worauf sich dieses Besser bezog. „Ich kann dich nicht abholen, Geliebter, du bist zu schwach, um dich im Bett aufzurichten. Bitte hab Geduld, alles wird gut.“ Hätte ich gewusst … Doch als ich von dem nächtlichen Eindringen der Geschiedenen erfuhr, war es bereits zu spät!

Inferno

Von jenem Zeitpunkt an bekam ich nur noch über die Geschiedene Nachricht von dir und musste befürchten, dass sie mir bald nichts mehr mitteilen würde, sollte ich es wagen, die falschen Fragen zu stellen, denn es war mittlerweile alles zu spät. Die Biologie forderte ihr Opfer von der Ideologie der Selbstheilung: Septischer Schock. Multiorganversagen. Künstliches Koma. Beatmung. In einer Notoperation wurden DIR endlich die verfaulten Gedärme entfernt. Sogar davon erholtest DU dich noch. DU saßest doch schon wieder auf der Bettkante und hörtest Musik!
Dann kam der Krankenhauskeim über das Beatmungsgerät.

Hier hätte man jetzt eine Verlegung veranlassen sollen an eine Klinik, die sich mit so etwas auskennt. Aber nein: Man wartete weitere sechs Wochen lang auf die Selbstheilungskräfte, mal mit diesem, mal mit jenem Antibiotikum herumdokternd. „Nach einer professionellen Keimanalyse klingt das nicht“, äußerten sich meine medizinischen Bekannten besorgt auf meine von zerreißender Angst getragen Schilderungen. Ich bekam inzwischen nämlich nur noch „Brotkrumen“ an Information von der Geschiedenen hingestreut; zuletzt untersagte sie mir sogar, auf ihre Nachrichten zu antworten. „Wir machen weiter wie bisher: entweder er fängt sich, oder eben nicht. Medizin ist schließlich keine Wundertüte“, so ihr Fazit, welches mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Wo war das Reserveantibiotikum, wo das Cortison, das man dir verabreichte, als alles zu spät war und als man beschloss, dass DU nun dein Leben zu beenden habest. Als DU nach 48 Stunden immer noch verzweifelt „festhieltest“ war man unschlüssig, DIR nicht doch noch eine Dialyse zu gewähren, entschied jedoch dagegen …

______________________________!!!

Hätte ich mich gegen alle Widerstände zu DIR durchgekämpft, so fürchtete ich, womöglich noch größeren Schaden anzurichten. Einfluss und Mitsprache konnte ich als lediglich DEINE Lebensgefährtin nicht nehmen. Meine Mails an die Station blieben unbeantwortet (die dortige Oberärztin ist eine Freundin der Geschiedenen). Auch DEIN Hausarzt erhielt keine Reaktion auf seine Nachrichten. Ihn habe ich mehrfach „alarmiert“: Da stimmt etwas nicht! Er hat sich frustriert zurückgezogen, nachdem er auf mehrfache Nachfrage keine Antwort von der Klinik bekam. Er hatte ebenfalls den Eindruck, seine Nachrichten würden „weggefiltert“. Schließlich hielt er sich einfachheitshalber aus dem Geschehen heraus. Schande über ihn.

Auf DEINER Trauerfeier sprach er mich an. Ich erzählte ihm, was mich umtreibt. Er be­stätigte, dass die Darm-OP in dem ersten Krankenhaus so gut wie geplant war. Meinte dann: „ja, aber es hätte ja auch dort…“ hier stockte er und fing an zu weinen, „…aber da wäre er ja nicht an die Beatmung gekommen…“ (infolge der Blutvergiftung, zu der es bei rechtzeitiger OP nicht gekommen wäre) Da musste der Herr Doktor dann ganz schnell raus aus der Situation und ließ mich stehen um einen Bekannten zu begrüßen.

Breit ist die Ebene zwischen Bergwand und Meer
Wo ich sitze um deinen Katafalk
Aufgeteilt in vier Klagfrauen
Rufe
Warum bist du gegangen
Rufe
Warum kommst du nicht wieder
Rufe
Dein Garten verwildert
Rufe
Dein Feld verdorrt.

Marie Luise Kaschnitz

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