An DEINER Seite

Erbärmliche Notwendigkeit: Seit kurzem bin ich traurige Besitzerin einer „Grabkarte“.

Dass ich weder durch die Geschiedene noch durch den Sohn über DEINE Beisetzung informiert worden war, hat mich im Grunde nicht überrascht. Beschämend allerdings, sich bei der Friedhofsverwaltung nach der letzten Ruhestätte seines DU erkundigen zu müssen. Beschämend auch, dass mein Gruß an DICH zunächst regelmäßig umplatziert wird; dort, wo ich mein Verstäfelchen ablege, darf es meist nicht bleiben.

Auch dies nehme ich schweigend hin, doch habe ich wohl verabsäumt, es der Geschiedenen zu danken. Schließlich dennoch an eine Art Frieden an diesem bedauerlichen Ort glaubend, erlaube ich mir bei einem Besuch, den Platz von welkem Laub zu säubern. Anschließend lasse ich das dazu hilfreiche gärtnerische Handgerät für weitere Anwendungen dort (es ist Herbst).

Als ich Tage später von der Geschiedenen daraufhin eine in verletzendem Amtsdeutsch verfasste Textnachricht erhalte, in der sie mir jegliche „Pflege und Gestaltung“ untersagt, da dies ausschließlich ihr und dem Sohn obliege, und mich obendrein auf ihre Großmütigkeit hinsichtlich der mir zugestandenen Quadratzentimeter hinweist, übergebe ich mich haltlos.

In der Nacht schreibe ich mir die Pein von der gedemütigten Seele:

Eine sehr geehrte Anrede wäre fehl am Platz –

Mit welch unbegreiflicher Boshaftigkeit vergiften Sie nun noch die Trauer um den mir wertvollsten Menschen, welchen letzten Endes Ihr selbstgerechtes Handeln das Leben kostete.
Was Sie zu derlei Gehässigkeiten treibt, lässt sich vermuten:
Es ist bekannt, dass Sie Ihre Rückkehr in das Leben Ihres seit beinahe Jahrzehnten geschiedenen Gatten bereits zumindest innerlich zu planen schienen. Verständlicherweise ist Ihnen da ein sichtbares Gedenken an dessen Grab ein Dorn im Auge, welches Ihnen vor dieselben führen mag, wer ihm durch Jahrzehnte hindurch Liebe geben konnte und durfte.
Ihre makabren Hoheitsansprüche an die Stelle sowie Ihre pietätlosen und missgünstigen Zugeständnisse an mich ergänzen nur das Mosaik Ihres Gewissens, das Sie zweifellos quälen muss – gäbe es doch ohne Ihr letztjähriges Zutun ein Grab Ihres geschiedenen Mannes und Vater Ihres Sohnes heute nicht.
Darüber kann auch eine offenbar von Schuldgefühl und Eifersucht getriebene, jedoch zuweilen recht nachlässige Grabpflege nicht hinwegtäuschen.
Zwar bin ich gesundheitlich mehr als angegriffen und geschwächt, allerdings immer noch kultiviert genug, als dass ich auf erniedrigende Schlammschlachten und gespenstische Stutenbissigkeit einginge, die zudem der Tragweite des Unheils, welches Sie angerichtet haben, nicht im mindesten gerecht würden.
Meinen Hass bekommen Sie nicht! Seien Sie jedoch meiner Verachtung gewahr und bedenken Sie, dass ich in diesem Leben nichts mehr zu verlieren habe.

Ein freundlicher Gruß verbietet sich.

Niobe

Selbst außerstande, die Kraft für Behördliches in dieser Tragödie aufzubringen, lasse ich bei der Friedhofsverwaltung nachfragen, ob es möglich sei, zu Lebzeiten bei ihnen eine Grabstelle zu erwerben.

Es stellt sich heraus, dass die Geschiedene auch hier die Verwaltung über ihren „Familienstand“ im Unklaren ließ – ebenso, dass ihr de jure „Pflege und Gestaltung“ mitnichten „obliegen“.

Da der Platz an DEINER Seite frei ist, pachte ich diese Ruhestätte und gedenke DEINER seitdem dort mit Blumen, solange, bis ich selbst eines Tages dorthin …

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