Tanzunterricht

Nun also teilstationär in einer psychosomatischen Tagesklinik.

Bei Aufnahme wird mir eine „depressive Episode“ attestiert. Aha … ja, was denn auch sonst: schließlich habe ich mein DU, mein WIR, mein ICH, mein Leben, mein Alles verloren. Die Therapieangebote („Trauer“ haben sie nicht im Programm) wirken auf mich erstmal wie Tanzunterricht, welcher einer beinamputierten Ballerina verordnet wird, damit sie wieder auftreten wollen können soll.

In der sogenannten „Zweitsicht“ werde ich nach Zielen und Erwartungen hinsichtlich meines Klinikaufenthaltes befragt: „Günstige Umstände schaffen können für die Situation, in der ich mich befinde, um so leben zu dürfen, wie ich mich fühle.“ (Sprich: ich möchte in meinem Kummer wohnen. Doch scheint mir eine solche Formulierung unangebracht für das eher trauerunerfahrene medizinische und Fachpersonal). Ob ich einen Therapeutenwunsch hätte bezüglich des Geschlechts etc. „Nicht ganz jung vielleicht und wenn möglich mit Trauererfahrung, bitte.“ Daraufhin Frau Doktor (vielleicht Anfang/Mitte Dreißig): „Die haben wir ja hier alle…“

ALLE…???…!!! Das ging also schon mal schief, denn ich halte dies allein schon aufgrund der Altersstruktur jenes Ärzte- und Pflege-Teams für unwahrscheinlich, es sei denn, wir redeten da in erster Linie von begrabenen Kindheitsträumen oder Wellensittichen. Und so vertieft sich bereits an Tag zwei die Kluft zwischen real gelebter Trauer und dem, was sich offenbar auch das psychomedizinische Umfeld unter dieser Realität vorstellt.

Ein Therapieplan ist lange nicht erkennbar, doch sind die Patient*inn*en, um leben zu üben, verpflichtet, sich täglich (außer am Wochenende) von 8:00 bis 16:30 im „therapeutischen Umfeld“ der Klinik aufzuhalten, mit einer Stunde „Freigang“ pro Tag. Die amputierte Ballerina im Tanzsimulator.

Erstes tiefenpsychologisches Einzelgespräch an Tag vier: Es kann zumindest nicht schlimmer werden als die bisherige Therapieerfahrung. Auch hier jedoch abwartend passives Echo therapeutenseits sowie Reflexion meiner Darlegungen und Bekenntnisse, die ich in dem halbblinden Therapeutenspiegel allerdings kaum wiedererkenne.

Tags darauf führe ich in Vorbereitung des anberaumten Einzelgespräches eigene psychotherapeutische Trauerliteratur mit. Mit dem Verlust des geliebten DU, so erwäge ich den Therapeuten aufzuklären, zerbrechen Kontinuität und Kohärenz auch der eigenen Persönlichkeit und Lebensgeschichte. Anhand der mythologischen Erzählung von Philemon und Baucis versuche ich, dieses Grundbedürfnis nach Kohärenz und Kontinuität zu verdeutlichen, indem ich den von Trauernden wie mir als vollkommen kohärent empfundenen Wunsch des Ehepaares an die gewährenden Götter, zur selben Stunde sterben zu dürfen, damit keiner am Grab des anderen stehen müsse, heranziehe. Bei DU-Verlust liest sich, wie ich betone, der Mythos nicht als ein romantisches Rührstück, sondern wie die erlösende Berichtigung eines kosmischen Unrechts. Trauer scheint ein blinder Fleck im Therapeuten-Spiegel. Entsprechend abstrus das Echo.

Auftragsgemäß wende ich am Wochenende ein Höchstmaß an geistiger Energie auf, um denkbare Therapieziele zu fassen und zu formulieren. Top down:

1. Kohärenz: Das durch die verhasste Wirklichkeit des Verlustes oktroyierte und versehrte Leben authentisch leben wollen können.
2. Ratio: Eine kohärente Begründung zur Aufbietung von Lebenswillen und -energie angesichts des Unabänderlichen gelten lassen wollen können.
3. Paradoxon: Das Unerträgliche ertragen, das Unaushaltbare aushalten, mit dem Unüberlebbaren leben lernen wollen können.

Hinweise auf das Erreichen der Ziele am Ende der Behandlung (Bottom up):

a) es fühlt sich nicht mehr vollkommen falsch an, den Tod meines DU überlebt zu haben
b) eine – wenn auch ungewollte – Zukunft ist vorstellbar.
c) die Bereitschaft, Mitgefühl und Verantwortlichkeit in die Trauer anderer zu investieren, ist nachhaltig spürbar.

Ich nehme an, dass u.a. auch aufgrund solcher Formulierungen meine mittelgradige Depression zu einer schweren befördert wurde.

In der Ergotherapie-Stunde greife ich beherzt nach Farb- und Kleistertöpfen und danach zielstrebig nach dem Hebelschneider, um Einbandpapier sowie Lagen für das Tagebuch, welches ich herzustellen beabsichtige, vorzubereiten. Alles sauber unter Beachtung der Laufrichtung des Papiers und ohne Verschnitt zugeschnitten und gefalzt. Man staunt.

Wir sollen unseren Körper wahrnehmen, wie er jetzt gerade auf dem Stuhl sitzt, lautet die Anweisung in der Körperzentrativen Bewegungstherapie. Na klar: Lediglich die äußere Kante eines meiner gekreuzten Füße berührt den Boden und gehalten werde ich ausschließlich von der hölzernen Sitzfläche und Lehne… interssant, wenn auch wenig überraschend.

Die Oberärztliche Visite zu Wochenbeginn ähnelt in ihrem äußeren Rahmen einem Vorstellungsgespräch bzw., um im Bild zu bleiben, einem Vortanzen. Ich lerne die für mich zuständige Oberärztin kennen. Immerhin ist sie bereits ergraut – ein Strohhalm. Schweigend, doch eifrig notierend, nimmt die Ärzteschar meine Zusammenfassung dessen, was mir während der Woche so durch den Kopf ging, entgegen: Irgendwie scheint mein Therapieziel dem zu widersprechen, was auf meiner Einweisung steht, denn ich möchte so leben dürfen, wie ich mich fühle und günstige Umstände schaffen können in der Situation, in der ich mich befinde. Dagegen klingt jedoch „depressiv verstimmt“, „sozialer Rückzug“ und „pathologische Trauerreaktion“ nach erheblichem Reparaturbedarf.

Tief erschöpft vom Lebenwollenmüssen und der Simulation scheinbarer Lebendigkeit in einer Scheinwelt entfliehe ich allabendlich dem „therapeutischen Umfeld“. Die Ballerina kann den Tanzsimulator bedienen, doch tanzen wird sie dadurch nicht wieder können – jedenfalls nicht ohne Beine auf der zerstörten Bühne ihres abgebrannten Theaters.

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