Hase unter Kaninchen …

Resümierend, strukturierend, analysierend rast mein Kopf unablässig:
JEDE meiner wie auch immer gestalteten Gegenwart oder Zukunft gründet sich auf den Tod meines geliebten DU. Dieser Gedanke stürzt mich nach wie vor und regelmäßig in tiefste Verzweiflung. Der An- und Widerspruch, dass eine solche Gegenwart bzw. Zukunft auch noch „gut“ werden solle, versetzt mich zudem in höchste Panik.

Mich „rettet“ neuerdings tatsächlich der Gedanke, dass es in Ordnung ist, wenn es nicht in Ordnung ist und nichts „gut“ werden muss, schon gar nicht „wieder“ gut.

Doch wie soll es stattdessen, wie KANN es werden? Ich klammere mich zurzeit an den Begriff der Kohärenz: Mein Leben kann nicht (wieder) gut werden, aber es sollte ansatzweise kohärent, im Sinne von folgerichtig und stimmig sein, wenn es schon „sein“ und die Möglichkeit uneingeschränkter Kohärenz à la Philemon und Baucis ausgeschlossen werden muss. Immerhin habe ich im Moment das Gefühl, dass ich dies zu wollen schaffen könnte.

„Natürlich“ bin ich depressiv (und das ist gut so, hätte ich beinahe einen gewissen Alt-Bürgermeister zitiert) sowie logischerweise auch anpassungsgestört: Ich kann mich doch mit meiner jetzigen vollkommen veränderten Persönlichkeit nicht einer vergangenen „Normalität“ anpassen, die zudem nicht mehr existiert. Zumindest ich kann lediglich versuchen, mir umgekehrt eine Normalität“ zu schaffen, die dieser veränderten Persönlichkeit angepasst und eben kohärent ist.

Sicher ist auch, dass ich nicht unter Depressionen leide, sondern UNTER den Depressionen am Tod meines Geliebten DU. Was also wäre gewonnen mit einer „Heilung“ der depressiven Symptome? Es würde sich nur noch falscher anfühlen…

Meine diagnostizierte „schwere Depression“ empfinde ich daher als ambivalent. Zwar bin ich „depressiv“, aber ob dies tatsächlich eine Depression im medizinischen Sinn ist, kann ich nicht einschätzen. Vermutlich verhält es sich mit Trauer und Depression so, wie mit Hase und Kaninchen: sieht sehr ähnlich aus, hat aber wenig miteinander zu tun.

Auch „brauche“ ich die Depression quasi zum Schutz vor jener Welt, in der ich psychisch nicht mehr überleben kann (und was wäre nebenbei diese Welt ohne all die Kafkas, Prousts oder van Goghs), denn ich funktioniere leider mit meinem veränderten ICH nicht, jedenfalls nicht in einer nun völlig falschen Normalität, in die ich aber zurücksoll, so die allgemeine Resilienzerwartung. Insofern bin ich genötigt, eine „Krankheit“, die ich im Grunde als kohärent empfinde, behandeln zu lassen. Meine in ihrem Kummer unerbittliche Seele ahnt, wie das ausgehen wird.

Ich muss also eine Lösung finden, wie ich mit einem „kranken“ ICH in einer zwar ungewollten, doch kohärenten Normalität psychisch und physisch, emotional und materiell überleben kann. Meine Kohärenz sehe ich vage in einer Art von „würdiger, mitfühlender Traurigkeit“ den Menschen und in einer gewissen „zärtlichen Gleichmütigkeit“ der zerbrechlichen Verletztheit des Lebens gegenüber. Wahrscheinlich gehöre damit ich zu jenen, die nicht die Trauer in ein Leben, sondern nur ein Leben in die Trauer zu integrieren versuchen können.

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