Jenseits der Lehrbücher …

Die erste Gestaltungstherapiestunde während meines Aufenthaltes gestaltet sich aufschlussreich. Erst auf Nachfrage seitens der Gruppe hin „oute“ ich Trauerthematik- und Verlusttrauma und verbreite damit Angst und Schrecken unter den Teilnehmer*inne*n, die größtenteils altermäßig meine Kinder sein könnten.

Während des praktischen Teils male ich das innere Bild meines versunkenen (Lebens-)schiffes, der Sandbank, an die es mich getrieben hat, dem Fluss, der die Lebenden von den Toten trennt, dem Fährmann auf dem Kahn und dem hölzernen Rettungsboot, in welches es mich während der Havarie geschleudert hat.

Überrascht bin ich, wie nahe die Sandbank am Fluss liegt – liegen MUSS, das Ufer berührend. Auf ihr hockend schaue ich dem Fährmann nach, der am äußersten Bildrand verschwindet. Die schlimmste Bedrohung aber bin ich nicht imstande zu „gestalten“: Den Erwartungsdruck nämlich, auf das Schiffswrack zurück wollen zu sollen.

Auch fehlt der Koffer der Erinnerungen ganz auf dem Bild…

Ihr Blick war auf dem unbegreiflichen Widerspruch
zwischen Erinnerung und Nichts haften geblieben

Marcel Proust

Diesen Widerspruch auszuhalten ist noch immer derart grausam, dass ich jenen Koffer schon mal aus dem Blick verlieren möchte.

Im nachfolgenden therapeutischen Einzelgespräch mache ich mein Bild zum Thema. Ich betone, wie unstimmig ich es empfand, dass Therapeutinnen und Mitpatienten auf dem Bild in krampfhaftem Bemühen ziemlich vergeblich nach Leben suchten, während mein Fokus eindeutig auf das Totenreich gerichtet ist: Nahe am Fluss, dort sei jetzt mein Platz, fasse ich zusammen. Das kleine Boot benötigte ich nur, um zur Mündung zu fahren und dort nach meinem geliebten Menschen und/oder dem Fährmann auszuschauen, der mich (einst…) hinüberbringen würde.

Daraufhin schlägt der Therapeut das Kapitel „Akzeptanz und Loslassen“ auf. Freud, Kast, Kübler-Ross: Ich sehe das vergilbte Lehrbuch gleichsam vor mir, aus welchem er sich bedient. Seine Impulse treffen auf keinerlei innere Resonanz und werden als vollkommen irrelevant von meinem strapazierten Gehirn sofort weggefiltert.

Ein Vater-Sohn-Trauma in der Projektion auf einen älteren Mitpatienten nimmt in der einleitenden Gesprächsrunde der „Körperzentrativen Bewegungstherapie“ großen Raum ein. Ich empfinde solche Themen, denen ich „davor“ immer große Bedeutung beimaß, jetzt als absolut nichtig. Kaninchenprobleme: existenziell für Kaninchen, bedeutungslos für Hasen.

Doch mit Hasen-Themen will oder kann sich hier niemand befassen. Man wehrt sie ab, indem man mir die Augen verbindet, dass ich meine Wirklichkeit in der Wirkung des Todes nicht sehen soll. Dies nennen sie dann „Realisieren und Akzeptieren“.

Solches zeigt sich erneut in der Reaktion therapeutenseits auf die nachfolgende Wahrnehmungsübung:

Einen schweren und einen leichten Gegenstand sollen wir wählen und an uns nehmen. Ich entscheide mich für ein Chiffon-Tuch in der Farbe des Himmels und für einen großen Stein, der sich mir förmlich aufdrängt und mich zwingt, danach zu greifen. Als ich ihn in die Hand nehme, offenbart er seine Form: ein menschliches Herz. Nun trage ich mein Herz und meinen Geist im Raum umher.

Mit dem Geist-Tuch weiß ich nicht viel anzufangen. Es entgleitet mir, entzieht sich, lässt sich in keine Form bringen, schon gar nicht mit dem Herzen vereinen. Der Herz-Stein hat innen eine riesige Kerbe, eine klaffende Wunde. Reglos, schwer, hart, kalt, will er nichts als von meinen wärmenden Händen gehalten werden. So fühlt es sich stimmig an und ich nähere mich einem Gefühl anzustrebender Kohärenz.

„Aber der Stein ist ja auch sehr stabil …“, lautet der Kommentar der kindlichen Therapeutin in Verkennung der Zerbrechlichkeit gesprengter Berge, gebrannter Erde.

Vielleicht, ja, kann man sich lehnen an den schweren Stein – Stöße und Stürze aber würden ihn zertrümmern.

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