Eine von zweien

In einer weiteren der zahlreichen Therapiestunden installiere ich intuitiv wieder dasselbe Sandbank-Bild: Man solle einen „guten Ort“ im Raum finden, an welchem man sich mit den vorhandenen Mitteln einrichte.

Leere und Weite sowie größtmöglichen Abstand zu den „Nachbarn“ suchend wähle ich eine Ecke gegenüber der Fensterfront. Dort richte ich mich mit einem Zeichenblock und zwei Sitzkissen ein. Warum zwei, wird mir erst im Nachhinein deutlich. Auf dem einen lasse ich mich nieder, den Blick in den Raum und aus den Fenstern hinaus gerichtet Am liebsten würde ich dort do lange sitzen bleiben, bis mein Herz einfach aufhört zu schlagen. Hin und wieder ein Glas Wasser und ein Buch wären einzig zu ergänzen.

Das zweite Kissen (so denke ich zunächst) sei für möglichen Besuch. Doch ich merke bald, dass es vielmehr den „leeren Platz“ darstellt: für jeden sichtbar und nah an meiner Seite:

Ihr sollt in mir sehen einen von zweien
Und hinter meinen Worten unruhig horchen
Auf die andere Stimme.

Marie Luise Kaschnitz

In nebelhaftes Schweigen gehüllt absolviere ich den nächsten Therapietermin. Vollkommen planlos und blind lasse ich meine Hände ein Stück Ton bearbeiten. Nach und nach zeigt sich eine Muschelschale, auf deren Form ich mich einlasse. Dies passe ziemlich gut, fasse ich in der anschließenden Reflexionsrunde zusammen: Übrig geblieben als eine von zweien und äußerlich recht unversehrt. Im Innern jedoch leer, denn das Lebendige, die eigentliche Muschel, ist verloren.

Man zeigt sich therapeutenseits beeindruckt von meinem Reflexionsvermögen, bleibt aber leider unfähig, angemessen darauf zu reagieren.

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