Das Jahr magischen Denkens

Joan Didion

Leid, so stellt sich heraus, ist ein Ort, den von uns niemand kennt, solange wir nicht dort sind. Wir ahnen (wir wissen): Jemand, der uns nah ist, könnte sterben, aber wir gucken nicht über den Rand der wenigen Tage oder Wochen hinaus, die diesem eingebildeten Tod folgen. Wir mißverstehen sogar, was diese wenigen Tage oder Wochen bedeuten. Wir mögen damit rechnen, schokkiert zu sein, sollte der Tod plötzlich eintreten. Aber wir rechnen nicht damit, daß dieser Schock uns auslöscht, Körper und Seele tilgt. … Wir stellen uns vor, daß der Moment, in dem wir am stärksten geprüft werden, die Beerdigung sein wird, danach setzt der hypothetische Heilungsprozeß ein. … Wir können unmöglich wissen, dass das nicht das Problem sein wird.

Mir wurde klar, dass ich seit dem letzten Morgen des Jahres 2003, dem Morgen, nachdem John gestorben war, versucht hatte, die Zeit umzukehren, den Film rückwärts laufen zu lassen. Das war jetzt, am 30. August 2004, acht Monate her, und ich versuchte es immer noch.

„Ihn zurückzubringen“ war während all dieser Monate insgeheim mein Ziel gewesen, ein magischer Trick. Im Spätsommer fing ich an, das deutlich zu sehen.
„Es deutlich zu sehen“ erlaubte mir immer noch nicht, die Sachen wegzugeben, die er brauchen würde.

wenn wir um das trauern, was wir verloren haben, [trauern] wir auch um uns selbst … . Um uns, wie wir waren. Um uns, wie wir nicht länger sind.

Joan Didion, Das Jahr magischen Denkens

Die große amerikanische Schriftstellerin Joan Didion schreibt über die Trauer nach dem Tod ihres Ehemannes und über ihren Versuch, das Unfassbare begreiflich zu machen. Ein sehr offenes, sehr persönliches Buch, das zugleich von beeindruckender Allgemeingültigkeit ist.

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„Luzide wie immer und persönlich wie nie“ realisiere Joan Didion darin ein nahezu unmögliches Vorhaben: nämlich über Tod und Trauer zu schreiben. Zwar nimmt die Rezensentin immer noch „eine Art unsichtbare Wand“ wahr, die sie vom Gelesenen trennt. Aber dieser Rest an Fremdheit gegenüber dem Unbegreiflichen, welches das Skandalon Tod an sich für sie darstellt, macht für Zucker gerade die Qualität dieses Buches aus. Didion schreibe darin über die Zeit nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, über die Unmöglichkeit, ihn als Tatsache zunächst überhaupt begreifen zu können. Sie schreibe über das Leben mit ihm und das Leben danach.

Die Tageszeitung, 04.11.2006

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