Lebensstufen

Julian Barnes

Und wie fühlt man sich so? Als wäre man aus ein paar Hundert Metern Höhe abgestürzt, bei vollem Bewusstsein, wäre mit den Füßen voran mit solcher Wucht in einem Rosenbeet gelandet, dass man bis zu den Knien darin versank, und beim Aufprall wären die Eingeweide zerrissen und aus dem Körper herausgeplatzt. So fühlt sich das an, und warum sollte es irgendwie anders aussehen?

Man fragt sich: Bis zu welchem Grad ist es in diesem Aufruhr des Verlusts sie, die mir fehlt, oder unser gemeinsames Leben oder das an ihr, was mich mehr zu mir selbst werden ließ, oder fehlt mir einfach die Gemeinschaft oder (nicht ganz so einfach) die Liebe oder alles zusammen oder sich überlappende Teile von allem? Man fragt sich: Welches Glück liegt in der bloßen Erinnerung an das Glück? Und wie kann das überhaupt funktionieren, da das Glück doch immer nur darin besteht und bestanden hat, etwas zu teilen? Einsames Glück – das klingt wie ein Widerspruch in sich, ein unglaubwürdiger Apparat, der sich nie vom Boden erheben wird. Die Frage des Selbstmords stellt sich früh und vollkommen logisch.

Die Leute sagen, du wirst darüber hinwegkommen. … Und es stimmt, man kommt darüber hinweg. … Aber man kommt nicht so darüber hinweg wie ein Zug über die Downs: raus aus dem Tunnel, hinein in den Sonnenschein … man kommt heraus wie eine Möve aus einer Öllache. Man ist geteert und gefedert fürs Leben.

Julian Barns, Lebensstufen – Der Verlust der Tiefe

Ein außergewöhnlich intimes und ehrliches Buch über Liebe und Trauer

buecher.de

Mit einiger Verspätung bespricht Rezensentin Stefana Sabin Julian Barnes unter dem Titel „Lebensstufen“ erschienenes Buch, das drei Essays über Liebe und den Verlust des Lebenspartners enthält. Ergriffen, trotz oder gerade wegen Barnes‘ Gespür für Distanz, liest die Kritikerin, wie der Autor in einer gelungenen Mischung aus Selbstreflexion, Verzweiflung und Ironie den Tod seiner 2008 verstorbenen Ehefrau und die neue Einsamkeit verarbeitet und sich als Witwer neu erfindet.

Neue Zürcher Zeitung, 05.09.2015

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