Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Connie Palmen

Für Liebende gilt das harte Gesetz: Sobald das Wir
nicht mehr da ist, bricht das Ich zusammen, zerfällt in Bruchstücke, zertrümmert, kaputt, durch nichts anderes zusammenzuhalten und zu definieren.
Nicht nur er ist tot, mein liebstes Ich ist es auch.

Ohne ihn gibt es nichts mehr zu genießen, es geht nicht.
Ohne ihn lässt mich die Schönheit der Welt gleichgültig.
Es ist töricht, aber ich habe keine Ahnung, wie ich leben soll, wenn nicht an seiner Hand.

Trauer macht schizophren. Wo ich gehe und stehe, habe ich einen Mann an meiner Seite, der nicht mehr ist. Ich sehe ihn laufen, schwimmen, in der Sonne sitzen und sehe dadurch zugleich, wie sehr er in (der) Wirklichkeit nicht ist. … Das Heute krankt am Nicht und Nie-mehr. Tas meinte, dass Depressionen eine Reaktion auf verbotenes Wissen seien. Trauer hat mit dem Gegenteil zu tun: mit absolutem Wissen, mit der gnadenlosen Klarheit des Endgültigen. Es bleibt nichts zu wissen übrig. Der Tod steht unumstößlich fest, ist unumkehrbar. In der Allgegenwart eines Abwesenden zu leben ist ein Zustand der Zerrissenheit und Benommenheit, der dir die Vertrauenswürdigkeit nimmt, weil niemand dir diese Doppelung ansieht, weil sich niemand vorstellen kann, dass du ununterbrochen von dem begleitet bist, was andere nur hin und wieder erfahren, ganz kurz, in einer aufblitzenden Erinnerung, einem Stich des Vermissens, einem unvermittelt zuschlagenden Schmerz und Unglauben. Es ist eine permanent anwesende Vergangenheit, die das Heute, durch das du dich Stunde für Stunde hindurchbeißt, unwirklich macht. Du atmest, du redest, du tust, als seist du normal, aber wie der Tote bist du da und doch nicht da. … Das Jetzt ist die Hölle einer um ihren wichtigsten Inhalt gebrachten Wirklichkeit, die ohne Sinn erscheint.

Das Unglück sondert uns von einer Welt ab, die von nichts weiß, aber auch uns selbst gelingt es kaum, Berührung mit der Wirklichkeit zu finden, die Zeit, Vergangenheit und Zukunft in den Griff zu bekommen.

Connie Palmen, Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Zwei große symbiotisch Liebende werden für immer getrennt. Sechs Wochen nach dem Tod ihres Mannes beginnt Connie Palmen, aus Angst vor einem zweiten Tod, dem Tod des Vergessens, Schmerz, Trauer und Verzweiflung aufzuzeichnen, wie mit einem Log ihre Position darin zu suchen. Entstanden ist ein ergreifender Bericht von der Sehnsucht nach einem nicht mehr anwesenden Körper, von Selbstverlust, Wiederverortung und den liebevollen Erinnerungen an einen wunderbaren Mann.

www.buecher.de

Connie Palmens Auseinandersetzung mit dem Tod ihres zweiten Ehemannes – auch den ihres ersten in den Neunzigern hatte sie bereits schriftlich verarbeitet – gesteht die beeindruckte Rezensentin Bettina Cosack in ihrer ausgiebig zitierenden Rezension einen „Ehrenplatz in jedem Leid-Regal“ zu. Zwar weist die Autorin ihren selbst so ausgewiesenen „Strom des Kummers“ bereits im Titel als bloßes und damit eher formloses Notizenkonvolut aus, stellt die Rezensentin fest, doch mangelt es den Sätzen darin nicht an Klarheit und Kraft. Wie die Autorin sich gegen das Vergessen stemmt und die Geschichte einer innigen Liebe rekonstruiert

Frankfurter Rundschau, 25.05.2013

Connie Palmen,  Logbuch eines unbarmherzigen Jahres,
mehr Buchbesprechungen