Meine Zeit der Trauer

Joyce Carol Oates

Deutet Dr. H. das wirklich an? Oder bilde ich mir das ein? Es ist bedrückend und schrecklich, empörend, dass in einem Krankenhaus nachts nicht die besten Arzte Dienst haben, schon gar nicht in der Nacht von Sonntag auf Montag. Auf der Intensivstation war in der Nacht nur ein kleines Team anwesend, ein bunt zusammengewürfeltes Team, die Nachtschicht eben. Hätte Ray die Notversorgung erst am Vormittag benötigt, am Montag also, wenn Dr. H. möglicherweise im Haus gewesen wäre und die Visite gemacht hätte, würde er jetzt vielleicht noch leben …
Undenkbar! Ich wage nicht, das zu denken.
Ich verliere die Fassung …

Es nicht geschafft! Aber er hatte sich doch erholt …
So wenden wir ungläubig ein. Klammern uns wie Kinder an das uns scheinbar gegebene Versprechen.
Aber, aber … Aber er hat sich doch erholt! Sie haben es gesagt. Er hat noch gelebt.
Wie ich war Gail wie in Trance ins Krankenhaus gefahren. Wie ich hatte Gail nicht glauben können, dass ihr Mann nicht in seinem Krankenzimmer auf sie wartete. Beide waren wir frühmorgens einen dunklen Highway entlanggefahren und hatten uns ungläubig gefragt: Liegt mein Mann im Sterben? Stirbt er? Er kann doch nicht sterben?! Der Arzt hat gesagt, er lebt …
Noch lange nachdem die Hoffnung sich verflüchtigt hat, hat man diese Phantom-Worte im Kopf. Er lebt, er ist noch … am Leben. Er erholt sich. Er wird kommenden Dienstag entlassen.

Eine Tatsache der Witwen-Existenz: alles geht gleichermaßen in die Tiefe und ist dabei gleichermaßen trivial, vergeblich und sinnlos. Genauso sind alle Tätigkeiten und Handlungen – alles Tun – für die Witwe Alternativen zum Selbstmord und daher von mehr oder weniger gleicher Bedeutung: Aussprechen darf eine Witwe solche Dinge natürlich nicht. Viel besser, verschwiegen zu sein in seiner Trauer, stumm und stoisch Viel besser, wenn die Witwe sich in ihrem Nest verkriecht, als dass sie sich in die helle, bevölkerte Welt vor ihrer Tür hinauswagt

Von den zahllosen Pflichten, die die Witwe dem Tod gegenüber hat, ist im Grunde nur eine von Belang: am ersten Todestag ihres Mannes sollte die Witwe denken: Ich lebe noch.

Joyce Carol Oates, Meine Zeit der Trauer

Wie sieht ein Leben aus, wenn der Mensch nicht mehr da ist, mit dem man in Freundschaft und Liebe, in Höhen und Tiefen alles geteilt hat? Nie zuvor hat Oates so tiefen Einblick in ihr Innerstes gegeben. Hier tut sie es, bewegend, klug und überraschend. Wir lernen eine andere Joyce Carol Oates kennen: eine starke Frau, die am Ende sagen kann „Dies ist jetzt mein Leben“.

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Ulrich Rüdenauer hat Joyce Carol Oates Buch „Meine Zeit der Trauer“, in dem sie den Tod ihres Mannes zu verarbeiten sucht, als inhaltlich wie der Form nach sehr komplexes Buch wahrgenommen. Die amerikanische Autorin hat hier nicht nur eine Hommage an den geliebten Mann, mit dem sie 47 Jahre verheiratet war, verfasst und versucht, diesen unfassbaren Verlust zu bewältigen. Sie thematisiert Schuldgefühle, weil er sich in dem von ihr ausgesuchten Krankenhaus an einem Keim infiziert hatte und sie zum Zeitpunkt seines plötzlichen Todes nicht bei ihm war.

Süddeutsche Zeitung, 10.01.2012

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