Nur einen Seufzer lang

Anne Philipe

Muss ich eine Zukunft hinnehmen, in der du fehlst?

Stündlich fragte ich mich, nicht wie es möglich sei, dass ich lebte, sondern einfach, wie mein Herz weiterschlagen konnte, nachdem deines stehen geblieben war. Manchmal hörte ich sagen, du weiltest unter uns. Ich widersprach nicht. Wozu streiten? Aber ich dachte bei mir, dass es für manche Menschen leicht ist, den Tod der anderen zuzugeben. Suchen sie sich ihrer eigenen Unsterblichkeit zu vergewissern? Ich habe dich zu sehr geliebt, um hinzunehmen, dass dein Körper verschwindet, und zu verkünden, dass deine Seele genügt und weiterlebt. Und wie soll man es anstellen, sie voneinander zu trennen und zu sagen: Dies ist seine Seele, und das ist sein Leib? Dein Lächeln und dein Blick, dein Gang und deine Stimme, waren sie Materie oder Geist? Beides, aber untrennbar.

Irgendwie begreife ich, dass wir, wenn wir einmal das Vollkommene erreicht haben, den Wunsch verspüren, nicht mehr in das Auf und Ab des Kampfes zurückzufallen. Wir sind Gott gewesen, wir wollen nicht wieder Mensch werden.

Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich das Unmögliche. Später bat mich eines meiner Kinder: »Du kannst doch alles; mach, dass er für einen Tag wiederkommt, nur einen Tag; dann wollen wir feiern, wollen artig sein. Er wird sehen, dass wir glücklich sind.« Ich musste meine Machtlosigkeit erklären, und ich begriff, dass mein Kind die Bedeutung des Nie wieder entdeckt hatte und sich damit ebenso wenig abfinden konnte wie ich.

Du warst meine schönste Bindung an das Leben. Du bist meine Erkenntnis des Todes geworden. Wenn er kommt, werde ich nicht das Gefühl haben, wieder mit dir vereinigt zu sein, sondern das Gefühl, einen mir von dir her vertrauten Weg zu gehen.

Anne Philipe, Nur einen Seufzer lang

Anne Philipe hat ein unvergängliches Buch über die Liebe geschrieben, über die glücklichen Jahre mit ihrem Mann, Frankreichs Schauspiellegende Gérard Philipe, den ihr das Schicksal viel zu früh nahm – und zugleich auch ein Buch über das Abschiednehmen, über Trauer, Trost und Hoffnung. Ihr Buch ist mehr als bloße Erinnerung: Es ist Meditation über die Endlichkeit des menschlichen Daseins, Denkmal für eine unsterbliche Liebe, Requiem für einen geliebten Menschen und es kündet zugleich vom Mut, sich der Welt und dem Schicksal zu stellen, spendet Trost und weist den schrittweisen Weg zurück ins Leben

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