Tagebuch der Trauer

Roland Barthes

Das Unabänderliche ist es, das mich zerreißt …

Trauer ist etwas ganz anderes als eine Krankheit. Wovon wollen sie mich heilen? Um in welchen Zustand, in welches Leben zurückzukehren?

Manchmal … überfällt mich der flüchtige Gedanke sozusagen wie ein Blitz, dass Mam. für immer nicht mehr da ist; eine Art schwarzer Schwinge (des Endgültigen) huscht über mich und nimmt mir den Atem; ein so heftiger Schmerz, dass ich, man könnte sagen: um zu überleben, gleich zu etwas anderem abschweife.

Ich sehe die Schwalben am sommerlichen Abendhimmel. Ich sage mir – und der Gedanke an Mam. zrreißt mich -, wie barbarisch, nicht an Seelen zu glauben – an die Unsterblichkeit der Seelen! was für eine dumme Wahrheit der Materialismus doch ist!

Ich leide an Mam.s Tod.

Roland Barthes, Tagebuch der Trauer

Wem ein geliebter Mensch stirbt, dem fehlen die Worte. Roland Barthes, einer der anregendsten Denker aus dem Frankreich des 20. Jahrhunderts, suchte nach dem Tod seiner Mutter Trost in der Sprache. Auf etwa 250 Karteikarten hielt der Philosoph der Zeichen kurze Notizen fest, die um die Tote, die Trauer und um seine Einsamkeit kreisen. Im Juni 1978 brechen die Aufzeichnungen ab, die jetzt aus seinem Nachlass ediert wurden. Entstanden ist ein ungewöhnliches und bewegendes autobiografisches Zeugnis, das eindrucksvoll die Grenze zwischen der Trauer und der Sprache abtastet.

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Roland Barthes‘ Mutter war die Liebe seines Lebens, daraus macht er nach ihrem Tod kein Geheimnis. Vielmehr notiert er auf fliegenden Zetteln, was ihm fehlt, was er vermisst, wie tief ihn ein bloßes, ohne weitere Bedeutung in einem Geschäft hingesprochenes „Voila“ treffen kann, weil es ihn an die Mutter erinnert. Das Buch über die Trauer hat er niemals veröffentlicht, an seine Stelle trat „Die helle Kammer“, der Essay über die Fotografie, in dessen Zentrum ein Foto der Mutter als Mädchen steht, das aber nicht abgedruckt wird. Rezensent Stefan Zweifel stellt den nunmehr veröffentlichten Band, der die Zettel wieder einsammelt, sehr kenntnisreich in den Zusammenhang von Leben und Werk Roland Barthes‘. Besonders interessant scheinen ihm manche nun ebenfalls öffentlich werdende bisher unbekannte Addenda zu existierenden Werken, etwa Weggelassenes aus der Quasi-Autobiografie „Roland Barthes par Roland Barthes“. Dieser Band ist, das macht die Rezension deutlich, zumindest für jeden Barthes-Fan ein wahrer Glücksfund.

Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2010

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