Über die Trauer

C.S. Lewis

Man sagt mir: »Sie fährt fort zu sein.« Aber ich schreie mit Herz und Leib: »Komm wieder, komm zurück. Sei ein Kreis, der meinen Kreis auf der Ebene der Natur berührt. « Doch ich weiß, das ist unmöglich. Ich weiß, was ich begehre, ist genau das, was ich nie bekommen kann. Das frühere Leben, die Scherze, die Schlummerbecher, die Streitgespräche, das Lieben, die winzigen, herzzerbrechenden Gemeinplätze. Wie man es auch ansieht: »H. ist tot« heißt eben: »All das ist vorbei.« Es gehört der Vergangenheit an. Und was vergangen ist, ist vergangen, und nichts anderes bedeutet Zeit, und Zeit ist nur ein anderer Name für den Tod, und selbst der Himmel ist ein Zustand, wo alles Frühere vorüber ist.

die Zeiten, wo ich nicht an sie denke, sind für mich vielleicht die schlimmsten. Denn wenn ich auch den Grund vergessen habe, liegt dann doch über allem ein vages Gefühl der Unstimmigkeit, als sei etwas nicht in Ordnung. … Ich sehe, wie sich die Beeren der Eberesche röten, und verstehe im Augenblick nicht, warum ausgerechnet sie mich bedrücken. Ich höre eine Uhr schlagen, und irgend etwas, was dem Klang bisher immer eigen war, fehlt. Was ist los mit der Welt, was macht sie so flach, so schäbig und so zerschlissen? Dann fällt es mir ein.
Davor, unter anderem, fürchte ich mich. Die Qualen, die wilden Augenblicke um Mitternacht müssen gemäß dem Gang der Natur abflauen. Was aber folgt? Einfach diese Apathie, diese fühllose Stumpfheit? Wird eine Zeit kommen, wo ich gar nicht mehr frage, warum die Welt einer ärmlichen Straße gleicht, weil ich das Elend als normal hinnehme?

Nach einer Blinddarmoperation besagt der Satz: »Der Patient hat es überstanden« etwas anderes als nach einer Beinamputation. Nach diesem Eingriff heilt der Stumpf, oder der Mensch stirbt. Heilt er, so hört der wilde, ständige Schmerz auf. Nach einiger Zeit gewinnt der Operierte seine Kraft zurück und ist imstande, auf seinem Holzbein umherzuhumpeln. Er »hat es überstanden«. Aber wahrscheinlich wird er in dem Stumpf zeitlebens von Zeit zu Zeit Schmerzen haben, und zwar vielleicht ziemlich heftige; und er wird stets einbeinig bleiben. Er wird es kaum einen Augenblick vergessen. Das Baden, Sich-Ankleiden, Sich-Setzen und Wieder-Aufstehen, sogar das Im-Bett-Liegen werden nie mehr das gleiche sein. Seine ganze Lebensweise wird sich geändert haben. Allerhand Vergnügen und Betätigungen, die ihm selbstverständlich waren, muss er einfach abschreiben. Auch Pflichten. Zur Zeit lerne ich, mich mit Krücken fortzubewegen. Vielleicht bekomme ich bald ein Holzbein. Aber ein Zweibeiner werde ich nie mehr.

C.S. Lewis, Über die Trauer

Dieser Klassiker der Trauerarbeit mit seinen einfühlsamen Gedanken zu Schmerz und Verlust, Tod und Hoffnung ist ein tröstlicher Begleiter für schwere Stunden.Offen schildert C. S. Lewis seine Erfahrungen mit falschen Vertröstungen und hilfreichem Trost nach dem Tod seiner Frau. Seine aufmerksamen Reflexionen bringen auf den Begriff, was Trauernde empfinden. Ein Vorwort von Verena Kast, die sich als Psychologin und Psychotherapeutin intensiv mit Trauerarbeit beschäftigt, führt diesen Band ein.

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Die Religiosität des Schriftstellers Clive Staples Lewis wird mit dem Tod seiner geliebten Frau in ihren Grundfesten erschüttert. In dem erstmals 1961 erschienenen Roman „Über die Trauer“ schildert der auch als Autor der „Chroniken von Narnia“ bekannt gewordene Brite seine Gefühle nach dem schmerzlichen Verlust eines Menschen.

Eigentlich sollte sich Religion eines Menschen gerade in schweren Stunden bewähren. Bei C.S. Lewis’ war das anders: Ihm ist der Glauben erstmal abhanden gekommen. Im Lewis’ Buch „Über die Trauer“ könne man nachlesen, „wie ein siegreicher Glauben den Tod überwindet“. Denn gerade in Texten, die Christen verfasst haben, liest man das oft. Ein solcher Satz ist zwar nicht völlig falsch, aber als Resümee für dieses Buch ist er entschieden zu banal.

Zunächst: Lewis schreibt nicht etwa, um seinem Glauben einen Sieg zu verschaffen. Er schreibt einfach, um nicht verrückt zu werden: verrückt vor Schmerz und vor Sehnsucht nach einer geliebten Frau. Das ist ein grundehrliches Buch – „A grief observed“ heißt der englische Originaltitel, und genau das passiert in diesem Buch. Das ist eine Selbstbeobachtung: das Tagebuch einer Trauer – und ein Buch der Erinnerung an eine große Liebe.

Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 26.04.2006 weiterlesen